Social Medien und das digitale Vergessen

Von Jens-Michael Groß

 

Von Jens-Michael Groß

 

Jeder kennt die Situation: man hat etwas 'Dummes' gesagt oder getan und würde am liebsten im Boden versinken.

 

Manchmal fällt es einem erst im Nachhinein auf, manchmal sofort. In jedem Fall wünscht man sich, es ungeschehen zu machen. Glücklicherweise vergessen Menschen mit der Zeit. In der Regel ist man selber der letzte, der sich noch daran erinnert. Vielleicht sogar der einzige, der dem Vorfall jemals Bedeutung beigemessen hat. Die Angelegenheit gerät 'in Vergessenheit'.

 

Anders ist die Situation, wenn von dem Vorkommnis eine Aufzeichnung gemacht wurde. Insbesondere sogenannte Pannen-Shows, Fernsehsendungen wie "Pleiten, Pech und Pannen", leben davon, zufällige oder beabsichtigte Aufnahmen derartige Ausrutscher der breiten Masse zu präsentieren - zwar mit Einverständnis des Fotografen, jedoch nicht immer mit der des 'Modells'.

 

Was den Zuschauern zur Belustigung dient, wird für die Akteure mitunter zum Quell seelischer Qualen. Denn groß ist die Chance, dass auch Nachbarn, Freunde und Verwandte die Sendung verfolgt haben,nun auch zu 'Augenzeugen' geworden sind und einen immer wieder darauf ansprechen. Manch ein Lapsus ist noch Jahre später Thema bei Familienfeiern und Grillpartys. Dem Betroffenen bleibt nur, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und sich ein gequältes Lächeln abzuringen. Wie das Gruppen-Nacktfoto eines Bekannten, das sich in seine Live-Präsentation hinein gemogelt hatte.

 

Wir schmunzeln noch immer darüber. Und er inzwischen auch. Aber auch hier heilt die Zeit so manche Wunden. Und irgendwann redet niemand mehr darüber. Teilweise, weil andere Themen interessanter sind, oder weil die Bitten, das Thema doch nicht immer wieder herauszukramen, endlich Wirkung zeigen.

 

Ganz anders sieht die Situation aus, wenn das Internet ins Spiel kommt. Die Verlockung ist groß: Schnell mal den Status bei FaceBook geupdated, einen Kommentar in einem Forum geschrieben, die aktuelle Aktivität getwittert. Man will sich präsentieren, seine 15 Minuten Ruhm haben. Und präsentiert dort leicht viel mehr als man eigentlich preisgeben wollte.

 

Ein Video, das einmal bei YouTube gelandet ist, ein eigentlich privates Nacktfoto auf FaceBook oder ein dummer Satz, geschrieben in einem Forum oder gepostet auf Twitter, entwickeln ein Eigenleben. Dabei muss es sich nicht einmal um eine eigene 'Dummheit' handeln. Oft genug werden die Peinlichkeiten anderer weitergereicht.

Als 'kleiner Denkzettel' oder aus Rache für eine Zurückweisung. Und binnen weniger Augenblicke kann praktisch jeder Mensch auf der Welt Zugriff erhalten.

 

Theoretisch könnte einem das ja egal sein, da man die Mehrheit dieser Menschen ohnehin nicht kennt und ihnen niemals begegnen wird. Die Realität sieht jedoch anders aus, denn das Internet ist keine Einbahnstraße. So einfach, wie jedermann sich Zugriff auf öffentliche Beiträge verschaffen kann, so einfach ist es auch, seine Meinung dazu kundzutun.

 

Nicht selten hagelt es auf eine unbedachte Äußerung Berge von Schmähmails, 'Dislikes' und Ähnlichen Anfeindungen. Hämische Kommentare auf peinliche YouTube-Videos sind an der Tagesordnung. Personen, von denen man bisher nie etwas gewusst hat, fühlen sich bemächtigt, ihren Kommentar abzugeben.

 

Und angesichts einer gewissen Anonymität sind sie dabei in der Regel alles andere als zimperlich. Gerade Jugendliche, denen noch die dicke Haut fehlt, die man sich erst mit zunehmender Lebenserfahrung erwirbt, können darunter zerbrechen. In der Folge sind schwere psychische Störungen bis hin zu Selbstmorden durchaus keine Seltenheit. Nur wenige Fälle von Cyber-Mobbing wurden bisher in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Die Dunkelziffer ist jedoch viel höher, da die Gründe für einen Selbstmord den Hinterbliebenen oft gar nicht bekannt sind. Die Betroffenen suchen selten Hilfe, schweigen aus Scham.

 

Und die Schuldigen, falls es denn eine "Fremdveröffentlichung" war, schweigen ebenfalls und haben oft ihr Leben lang daran zu tragen. Aber auch wenn es nicht zu solchen extremen psychischen Schäden kommt, so können die Folgen einer unbedachten Veröffentlichung dennoch erheblich sein. Hätte mein Bekannter die fehlerhafte Präsentation nach FaceBook hochgeladen, oder einer der "Augenzeugen" eine Kopie in die Hände bekommen und veröffentlicht, wäre das vermutlich das Ende seiner Karriere gewesen. Jeder Personalchef sucht heutzutage im Internet nach Informationen über Stellenbewerber. Und wird in der Regel fündig. Google sei Dank.

 

Da wäre es natürlich schön, die entsprechende Information wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen. Doch genau hier liegt das Problem: Das Internet vergisst nicht. Jedenfalls nicht auf Wunsch. "Informationelle Selbstbestimmung" ist ein neues Schlagwort. Datenschützer, Juristen und Politiker benutzen es gerne. Auf dem Papier hat man das Recht, die Löschung von persönlichen Daten zu verlangen.

 

Und wenn es sich um ehrverletzende Inhalte handelt, so besteht dieses Recht sowieso. Allerdings nur dann, wenn man nicht selber versehentlich oder unbedacht die Veröffentlichung veranlasst hat. Und selbst wenn man das Recht hat, bei wem soll man es einfordern? Und wie? Im Ernstfall scheint niemand zuständig zu sein. Entsprechende Anfragen bei Website-Betreibern oder Providern werden meist (zu Unrecht) durch Verweise auf (oft diesbezüglich ungültige) AGB abgeschmettert.

 

Es werden Nachweise verlangt, dass man wirklich das Recht hat, die Löschung zu verlangen. Oder der Ansprechpartner sitzt gar im Ausland und braucht sich nicht um deutsche Datenschutzbestimmungen zu scheren, von der Sprachbarriere ganz abgesehen. Und selbst wenn man Erfolg hat - was nicht selten ein Gerichtsverfahren benötigt - so bleibt die Frage, wie viele Leute sich bereits eine Kopie angefertigt haben? Wen muss man noch zur Löschung auffordern?

 

Was soll man tun, wenn die ungeliebte Veröffentlichung nicht als Kopie, sondern als Zitat auftaucht? De facto ist es unmöglich, eine einmal im Internet gelandete Information gezielt wieder zu entfernen. So wenig, wie man einem Menschen per Gerichtsbeschluss befehlen kann, seinen Partner zu lieben, so wenig kann man dem Internet befehlen, etwas zu vergessen.  Irgendwann, irgendwo taucht es wieder aus der Versenkung auf.

 

Wann immer man irgendetwas dem Internet anvertraut, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man keine wirkliche Kontrolle mehr darüber hat, was damit in Zukunft passiert. Trotz Löschfunktionen und Privacy-Einstellungen und auch ohne NSA, BND, Bundestrojaner oder Wiki-Leaks: Im Internet ist nichts wirklich und garantiert privat oder kontrollierbar. Ist der Geist erst einmal aus der Flasche, bekommt man ihn nie wieder hinein.

Deshalb sollte man vorsichtig mit allem sein, das man dem Internet anvertraut. Egal, ob eigene oder Daten; egal, über welche Software und für welche Plattform; egal, ob Twitter, FaceBook, E-Mail oder SMS: was einmal gepostet wurde, kann man in der Regel nie wieder zurücknehmen.

 

Deshalb telefoniere ich lieber. Und zeige meine (ohnehin wenigen) Fotos persönlich meinen Freunden. Sollte mir doch einmal ein Lapsus unterlaufen, so ist die Erinnerung daran nur im Gedächtnis der Anwesenden verankert, nicht im Kollektivgedächtnis des Internet. Und bevor ich diesen Artikel veröffentliche, lese ich ihn mir noch mehrmals gründlich durch.

 

Auch er wird vermutlich genau dann wieder aus der Versenkung auftauchen, wenn ich mit bei FaceBook oder Google um einen Job bewerbe.

 

(E.A.M. 8-2015) J.-M.-G.

 

 

 

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