Das Parfüm - Wieviel Realität steckt in dem Roman und Kinofilm?

Das Parfum“ – wie viel Realität steckt in dem Roman und Kinofilm?

 

Von Dr. Rolf Froböse

 

 

An Selbstbewusstsein hat es der Schauspielerin Marlene Dietrich nie gemangelt: „Männer umschwirren mich wie Motten das Licht, und wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nicht“, sang sie einst in einem Hauch von Kleid. Was die Leinwanddiva damals nicht wusste: Für männliche Motten ist das Licht nicht das einzige Signal, auf das sie fliegen. Vielmehr gibt es weitaus wirkungsvollere Quellen. Gemeint sind Sexual-Lockstoffe – auch Pheromone genannt – von denen wenige Moleküle in der Luft bereits ausreichen, um die männlichen Tiere buchstäblich außer Rand und Band zu bringen.

 

Ob Pheromone beim Menschen auch eine Rolle spielen, war lange Zeit umstritten. Auch wenn die letzten Kontroversen noch nicht gänzlich ausgeräumt sind, vertreten heute immer mehr Wissenschaftler die Ansicht, dass der Mensch neben seinen Sinnesorganen über chemische Sensoren verfügt. „Am Anfang allen Lebens stand die molekulare Erkennung”, unterstreicht Prof. Dr. Wittko Francke vom Institut für organische Chemie der Universität Hamburg. So habe es die chemische Kommunikation schon zu einer Zeit gegeben, als es noch gar keine höheren Lebewesen, geschweige denn Säugetiere gab. Francke weiter: „Obwohl wir uns fast ausschließlich durch Sprache verständigen, hat auch der Mensch die Möglichkeit, molekulare Duftbotschaften auszusenden und zu empfangen.“ So betrachtet seien Pheromone die „chemischen Wörter“ im Dialog der Düfte.

 

Ein uraltes Organ in der Nase dient als Eingangspforte für subtile Botschaften

 

Für den amerikanischen Forscher und Pheromon-Entdecker Professor David Berliner von Arizona State University in Tempe dient ein Relikt aus der Frühzeit der Evolution beim Menschen als „Einfallstor“ für Pheromone. „Es handelt sich um das so genannte „Vomero-Nasal-Organ“ (VMO) in der menschlichen Nasenscheidewand“, erläutert der Wissenschaftler. Über viele Jahre hinweg habe man das scheinbare Relikt aus der Frühzeit der Evolutionsgeschichte ausschließlich im Tierreich vermutet, wo es in erster Linie für den so genannten „sechsten Sinn“ verantwortlich gemacht wurde.

 

Unstrittig ist, dass das VNO bei Tieren eine große Rolle spielt. Beim Menschen wurde das Organ dagegen bis vor kurzem als „funktionsloser Rest“ der Evolution betrachtet. Chirurgen dachten daher bei Nasenoperationen auch nicht im Entferntesten daran, das winzige Gebilde zu schonen. „Heute wissen wir, dass das VNO auch beim Menschen eine Rolle spielt, aber seine Funktion ist noch nicht lückenlos geklärt“, berichtet der Arzt Dr. Thomas Hummel, Leiter der Abteilung „Riechen und Schmecken“ an der medizinischen Hochschule in Dresden.

 

Auffällig ist auch, dass das VNO in der Embryonalzeit vor allem während der 20. Schwangerschaftswoche tüchtig wächst und – wie Untersuchungen neueren Datums zeigten – sowohl im Feten wie im Neugeborenen sehr gut entwickelt ist. Einige Forscher vermuten, dass der Säugling dank dieses sechsten Sinns gar in die Lage versetzt wird, seine Mutter zu erschnuppern.

 

Der Physiologe Professor Gerd Kobal von der Universität Nürnberg-Erlangen geht davon aus, dass das VNO bei Säuglingen noch sehr aktiv ist, die Anbindung zum Gehirn sich im Erwachsenenalter aber langsam verliert. Sein Kollege, der Hals-Nasen-Ohren Spezialist Prof. Dr. Volker Jahnke, Leiter der HNO-Klinik an der Berliner Charité, glaubt jedoch nicht, dass dieser Verlust vollständig ist. Vielmehr hätten elektronenmikroskopische Untersuchungen der Nasenschleimhaut gezeigt, dass es auch beim erwachsenen Menschen Nervenverbindungen zwischen VNO und Gehirn geben müsse.

 

In Zusammenarbeit mit dem Anatomieprofessor Dr. Hans-Joachim Merker vom Benjamin-Franklin-Klinikum Steglitz der Freien Universität Berlin entnahm Jahnke Männern und Frauen, die aus diversen Gründen in dieser Region der Nase operiert werden mussten, das Organ. Unter dem Elektronenmikroskop offenbarte sich den Wissenschaftlern ein erstaunlich differenziertes Gebilde. Es handelt sich um einen dünnen, blind endenden Schlauch von unterschiedlicher Länge (zwischen 2 und 8 mm) und variabler Breite (Durchmesser zwischen 0,2 und 2 mm), der im Zuge einer Einstülpung der Nasenschleimhaut gebildet worden ist. Er befindet sich an der rechten und linken Seite im unteren, vorderen Teil der Nasenscheidewand.

 

Unter den oberen Zellschichten findet man zahlreiche Blutgefäße und ein Geflecht von Nerven. Dieser komplizierte und einzigartige Aufbau des Organs lässt Jahnke und Merker zufolge auf besondere Aufgaben schließen, etwa die Fähigkeit, mit Botschaften versehene molekulare Shuttles in Körperflüssigkeiten zu transportieren. Die Forscher gehen davon aus, dass die Spüldrüsen der Nasenschleimhaut wasserreiches Sekret absondern, in dem sich die sehr flüchtigen Pheromone lösen und so zu den Sinneszellen in den Organen gelangen könnten. Ob sie von dort aus über die vielfältig vorhandenen Nervenfasern an Gehirnstrukturen weitergeleitet werden, konnte bislang allerdings noch nicht nachgewiesen werden.

 

Buchtipp:

 

Wer mehr über das Thema erfahren möchte, dem sei das Buch von Gabriele und Rolf Froböse „Lust und Liebe – alles nur Chemie?“ empfohlen. Es ist im Wiley-VCH Verlag erschienen und kostet EUR 24,90.

 

 

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R.F.

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