Jesuitenpater Franz-Josef Glorius S.J. - Nomen est omen

Publizist - Pädagoge - Priester

Glorius – nomen est omen

Ein Nachruf 

 

Von Ramin Rowghani

 

Wenn der Name „Glorius“ fällt, begegnet man meistens Personen  mit zwei Sorten von Assoziationen, die sie gerne kundtun. Solche Gedankenverknüpfungen bringen es mit sich, daß sie nicht lang überlegt sind, sondern spontan sprudeln. Und bei "Glori" ist es neben der eindrucksvollen Persönlichkeit und zahlreichen Anekdoten zwangsläufig der unfreiwillige Weggang vom Canisius-Kolleg, seiner langjährigen Wirkungsstätte.

 

Dieser Nachruf sollte im Canisus-Jahrbuch veröffentlicht werden, so wie alle vereinbarten Nachrufe besonderer Personen, die mt der Schule in Verbindung standen publiziert wurden. Dem aktuellen Rektor des Canisius-Kollegs, Tobias Zimmermann, war dieser Nachruf für das traditionsreiche Canisius-Jahrbuch "Unsere Schule" (inzwischen ist auch dieser Titel auf dem Deckblatt des neuen Formats weggestrichen worden) nicht genehm, er druckte ihn kurzerhand nicht ab, ohne sich mit dem Autor in Verbindung zu setzen. Nun wird er hier einem breiteren Leserkreis zugänglich  gemacht. Auch die beiden langjährigen Hauptredakteure in der Schriftleitung wurden gebeten, nach 19 Jahren solider Arbeit am CK-Jahrbuch die Reaktion zu verlassen, beide waren profunde Kenner der Geschichte des Canisius-Kollegs. Neue Leitung - frischer Wind soll nun wohl wehen......

 

Wen immer man an Alt-Schülern, Lehrern, Eltern etc. trifft und man auf Pater Glorius anspricht, es dauert nicht einmal Minuten, daß meistens bedrückt bemerkt wird: Welch ein Drama um Gloris Weggang, wie konnte der Orden dies nur anordnen!“

Daß es Versetzungen innerhalb des Ordens gab und gibt, übrigens findet man dies auch bei den Franziskanern häufig, ist üblich und bekannt. Es gibt dabei aber keine Regeln, dafür oft (Schein-)Begründungen. Natürlich kann man begründen, daß ein guter Mann auch woanders gebraucht wird und man kann anders begründen.

 

Zum Ende des Schuljahres 1989/ 1990 wartete man vergeblich auf einen triftigen Grund zur ruckartigen Versetzung von Pater Franz-Josef Glorius S.J., gerade auch im Hinblick auf seinen neuen Posten als Seelsorger des Gertrauden-Krankenhauses. Ich möchte es nicht ganz so drastisch vergleichen mit dem Bild, wenn man einen renommierten Universitätsprofessor an die Pforte seiner Universität verbannen würde.....Aber die Realität um Glorius damals kommt dem schon sehr nahe.

 

Was führte zu diesem Paukenschlag? Intern wurde viel gemunkelt, einige Insider hatten auch mehr Informationen, die aber beharrlich nicht an die Öffentlichkeit kommen sollten, nach nunmehr 26 Jahren kann man durchaus offener darüber reden als damals. Dabei muß die Frage erlaubt sein, rechtfertigen persönliche Animositäten, unterschiedliche Denkweisen eines Oberen, (Straf-)Entscheidungen zu treffen, die von einem enormen Ausmaß für hunderte von Schülern sind, in einem Zeitalter des Priestermangels und Fehlen von eindrucksvollen Persönlichkeiten, die es verstehen, Werte zu vermitteln, die es vermögen, daß man auf sie schaut und ihnen zuhört und von ihnen mehr lernt als von den meisten anderen?

 

Pater Glorius war für das CK-Jahrbuch "Unsere Schule" verantwortlich, anfänglich mit zwei Mitbrüdern, später in Personalunion bis zu seiner Abberufung, er gab es in seinem damals kleineren Format heraus und er beeinflußte natürlich auch den Inhalt. Eine wirkliche Redaktion gab es damals nicht, Glori war das Jahrbuch und der Orden segnete ab. In seiner „Redaktion“ unterm Dach des CK brannte das Licht bis in die frühen Morgenstunden, oft sogar bis 3 oder 4 Uhr und meistens – wie P. Glorius immer wieder gern zum Besten gab – hatte er um 8:30 Unterricht oder vorher die Schulmesse oder er mußte in der Turnhalle den Sportunterricht vorbereiten. 

Seine Recherchearbeit in der Nacht und die legendäre Kommunikation mit vielen Menschen, per Brief und in Telefonaten ließen ihn nicht zur üblichen Zeit schlafen wie andere. Aber der nächste Morgen folgte immer und da hatte Glorius viel zu tun: Besonders die Bundesjugendspiele im Moabiter Poststadion lagen ihm am Herzen, die er akribisch mit für ihn wichtigen Details mit den anderen Sportlehrern ausklügelte. Während Hermann Klose, Günter  Claaßen, Gerhard Kiedrowicz oder Hemma Fahrun als Startzeichen beim Wettbewerbs-Lauf die übliche Klappe benutzten, nahm Glori die lauteste Schreckschußpistole Berlins, die er durch die Berliner Firma Otto Bönicke vor den Augen der Schüler mit dramatischer Geste munitionierte. Dieser Gedankenausflug zu den Bundesjugendspielen sollte nicht davon ablenken, was zum Bruch mit P. Glorius und den Verantwortlichen des Ordens führte. Natürlich fragte man sich damals: Wann schläft dieser Mann eigentlich, wenn er sich die Nacht und den Tag nicht nur durch das erwähnte so voll packt.

 

Glori lavierte sich niemals diplomatisch durch das Leben, wohl auch nicht durch das Ordensleben, heiße Eisen packte er durchaus – auch öffentlichkeitswirksam an. Und er scheute sich nicht, in „seinem Jahrbuch“ in einer Randnotiz zu bemerken, daß sich ein ehemaliger CK-Schüler in die Leitungsposition einer damals neuen Partei wählen ließ, die heute keine Bedeutung mehr hatte. Für Glori war es eine journalistische Notwendigkeit, einen Hinweis auf "Die Republikaner" unter vielen anderen Nachrichten anderer (Ex-)Schüler und (Ex-)Lehrer zu geben.

 

Dann ging alles ganz schnell, die neue Leitung aus dem Orden am CK, Pater Hans-Georg Lachmund S.J. hatte sicherlich auch mit der imposanten Persönlichkeit und dem dominanten Auftreten des langjährigen Lehrers persönliche Probleme und so wurde einer der wichtigsten Jesuiten, aus einer inzwischen sehr klein gewordenen Gruppe jesuitischer Lehrer von einem Tag zum anderen ex cathedra vom Schuldienst entbunden und das ganze Kollegium und die Schülern- und Elternschaft standen Kopf.

 

Sie alle machten Eingaben beim Provinzial wie nie zuvor, dieser dachte nicht daran, diese Entscheidung zurückzunehmen und eine kleine Gruppe, die mit P. Glorius Probleme hatte, frohlockte. Es war gleichsam die Demontage eines Denkmals.

 

Viel wurde über Pater Glorius geschrieben und erzählt, Mitbrüder und Lehrerkollegen sahen ihn in ihrer Weise, seine Schüler wieder in einer ganz anderen Weise. Unter Verzicht seiner ausführlichen Lebensdaten beschränke ich mich auf selbst beobachtetes und erlebtes.

 

Der Beginn

 

Wie bei allen Institutionen, die man für längere Zeit besucht, sind es Persönlichkeiten, die – neben dem Ort/Gebäude - den eigentlichen Eindruck hinterlassen. Als mich meine Eltern in den 70er Jahren zu einer zwanglosen Besichtigung des Kollegs begleitet hatten, um über einen späteren Schul-Besuch nachzudenken, war es Pater Glorius, der als erstes auffiel. Einige Patres und Lehrer waren zusammengekommen, um Kleingruppen durchs Kolleg zu führen. Es waren gleichzeitig Pater Johannes Zawacki, Pater  Kanja und Eduard Bengsch zugegen, einige andere sicherlich auch. P. Glorius hatte es aber geschafft, für den ersten Gesamteindruck zu sorgen, damals trug er noch schwarz, war durch ein Kreuz am Revers als Kleriker erkennbar, was er später mehr und mehr ablegte und dann nur noch in Zivil unterwegs war. Die Sutane hatte er bereits seit Anfang der 70er Jahre nicht mehr getragen. Er jagte uns in einem Eiltempo durch die Schule und erzählte Anekdoten und Details aus der Geschichte der Krupp-Villa in Tiergarten und der späteren Schule, er ließ nichts aus und als Eduard Bengsch mit seinem Besuchergrüppchen vorbeikam, mischte sich Glori ein: „Ede, vergiß nicht, den Besuchern dies und das zu erzählen....und so ging das die ganze Zeit. Die Identifikation mit seiner Schule war enorm: Er gehörte zur 1. Schülergeneration nach dem Wiederaufbau. Daß die Person „Glorius“ für den allerersten Moment der Berührung mit dem Kolleg Schülern und ihren Eltern in Erinnerung bleiben mußte, war die Konsequenz.

 

Wenn man die offensichtliche Allgegenwärtigkeit einer solchen Jesuiten-Persönlichkeit vor Augen hat, muß sich jemand, der ihn nicht kannte, fragen: Kann er nicht nur oberflächlich und zu wenig das Individuum gegenüber erfahren? Pater Glorius beherrschte beides. Er war Zeit seines Lebens ein intensiver Mensch. Sogleich merkte er sich Namen und am liebsten noch die Berufe aus seiner Besuchergruppe, auch wo sie wohnen, stellte schon während der Führung im CK Verbindungen her, zu den Wohnorten, die er als gebürtiger und leidenschaftlicher Berliner (in der Kreuzberger Wilhelmstr. aufgewachsen) bei seinem Kommunikationsdrang nur abrufen mußte, der Familie Schulze rief er beim Hinaufgehen zum Lehrerzimmer zu: „Ach sie wohnen am Mehringdamm, gehen Sie bitte am Montag zum Fleischer in die Bergmannstr. und holen sich in der Marheineke Markthalle Geflügel. Es ist das beste Fleisch in Kreuzberg!, Mutter Müller aus Schöneberg legte er beim Verlassen der 1. Etage nahe, zum Schuster in die Ebersstr. zu gehen, „der macht ihrer Familie am preisgünstigsten und am besten ihre Schuhe....und meiner Familie wies er (quasi ohne mögliche Widerrede) an: „Ach Sie wohnen am Platz der Luftbrücke am Flughafen, ich bin Präses der Kolpingsfamilie, sie kommen bitte am Sonntag 10h in meine Messe in die Kapelle des Kolpinghauses Methfesselstr. und der kleine Bruder kann sich Spielzeug mitbringen, wenn es nicht gerade ein lautes Feuerwehrauto ist, damit er sich während der Messe nicht so langweilt!Und beim entsprechenden Treffen gab es neue Hinweise, Ideen und Anweisungen, was man für sich und die Familie möglichst in der nächsten Zeit tun sollte. Solche und andere – scheinbar belanglose Anekdoten können Generationen von Schülern und Eltern erzählen. All diese zeichnen die Facetten des Phänomens Franz-Josef Glorius auf.

 

Der Lehrer

 

Auch wer Franz-Josef Glorius nie im Unterricht hatte, kam (s.o.) nicht an ihm vorbei. Aber als wir ihn dann als Religionslehrer in der Quarta bekamen, war die Klasse natürlich besonders gespannt, wie er dann als Lehrer sein wird.

 

Im Schuldienst selbst sorgte P. Glorius dann für weitere Überraschungen: Die durchaus joviale, wenn auch intensive Kommunikationsform in den Gängen der Schule und an der Haltestelle, wich gelegentlich unerwarteter Lehrerhandlungen und -Äußerungen. Wenn Canisianer einmal Religionsunterricht bei P. Hermann Rosczyk, P. Johannes Maniera, P. Franz Scharfenberger, P. Kurt Michel (um einige Vertreter der alten Garde zu nennen) oder bei Pater Tommek (gerade 75 Jahre alt geworden), Pater Peter Riedel und Herrn Kohn hatten und irgendwann Pater Glorius als neuer Religionslehrer die Klasse übernahm, dann schlug das vom Gefühl und vom Unterrichtsstil ein wie eine Bombe, wie sollte es auch sonst bei einem Pater Glorius sein?

 

Man konnte ihn weder der alten noch der neuen Garde zuordnen, sein Unterricht war von solcher Eigenheit, die man kaum treffend wiedergeben kann. Lehrer-Kollege und Freund  Hans-Peter Fahrun beschrieb es im Jahrbuch von 1990 damals realistisch (Übrigens war es damals die einzige Würdigung für Glori!): "P. Glorius verband „Kumpelhaftigkeit mit beinharter Autorität“.

Zunächst verwunderte uns, die wir vorher die Bibel von vorne bis hinten behandelt hatten oder Ferdinand Krenzers „Morgen wird man wieder glauben“ gelesen hatten, daß der Religionsunterricht von P. Glorius kein Religionsunterricht im herkömmlichen Sinn war. „Der Religionsunterricht wird bei mir ein wenig anders! Wir beginnen in jeder Stunde mit dem aktuellen Vorspann, der 15 Minuten dauern soll!“  kündigte er an.

Glori forderte uns auf, Zeitung zu lesen, möglichst alle, selbst die Boulevard-Presse war kein Tabu für ihn. Im „Aktuellen Vorspann“ ging Glorius auf, er fühlte sich als Aufklärer: „Was ist Sexualität? Wenn ich einer flotten Biene hinterher renne?, sollten wir mitschreiben. Daß dies bei pubertierenden Schülern zum Gelächter und Tuscheln führte, konnte man sich vorstellen, aber das meisterte Glorius mit Humor und überhaupt nicht weltfremd. Er brachte uns den Unterschied zwischen Liebe und Sexualität bei, auch „käufliche Liebe“ war kein Tabu, sein Verweis auf die Annoncen aus dem horizontalen Gewerbe in der B.Z. waren genauso Thema wie die aktuelle politische Lage in Berlin und Deutschland, die „Brüder hinter der Mauer“ wurden ebenso wenig vergessen, wie allgemeine gesellschaftliche Aspekte. Oft weitete sich der „aktuelle Vorspann“ auf die gesamte Religionsstunde aus, weil Glori vom hundertsten zum tausendsten kam. Seine persönlichen Projekte wurden uns intensiv vorgestellt: Unzählige Dias zum Bauorden oder die Zustände im Berliner Gefängnis Tegel wurden uns im Detail vorgestellt. „Aktion Knast“ in Kooperation mit Pater Vincens Hoffmann, SDS half den Gefangenen mit Elternspenden, die P. Glorius über uns Schüler einsammelte und P. Vincens übergab. Glorius war von einer liebenswerten Eitelkeit geprägt, eine Brille wollte er öffentlich nie tragen, heimlich setzte er sie bei der verdunkelten Dia-Show auf, auch beim Autofahren sah man ihn mit Brille, aber in der persönlichen Begegnung mußte sie heimlich schnell im Sakko verschwinden.

 

Unglaubliche Energie investierte er in alles, was er anpackte und wenn er den Eindruck hatte, daß er sich die Mühe umsonst gemacht hat und die Schüler sich nicht ausreichend interessieren würden, kam das, was Studiendirektor Hans-Peter Fahrun als „beinharte Autorität“ beschrieb: Aus dem gütigen Glori wurde der strenge Lehrer: „DU weißt, daß Du bei mir 5 bekommst und dadurch sitzenbleiben kannst!Mit (leicht gespielter) Wut rannte er dann zum Klassenbuch und schrieb in Großbuchstaben mit grünem Kugelschreiber: „xy erhält einen Tadel wegen wiederholter Unaufmerksamkeit. Schuldirektor und Eltern werden sofort benachrichtigt, es erfolgt ein Hausbesuch bei den Eltern am Freitag nach der Schule!Einige Lehrer empörten sich darüber, daß P. Glorius die Tagesspalte im Klassenbuch so vollschrieb, so daß die anderen nichts mehr reinschreiben konnten. Als „Geltungsdrang“ wurde es ihm ausgelegt, so hatte P. Glorius nicht nur Freunde.

 

Der Unterrichtsordner wurde zum Halbjahresende eingesammelt und jede einzelne Seite abgestempelt und mit seinem grünen Stift unterzeichnet „Eingegangen/Erledigt, FG, Datum“, den Schüler-Text selbst hatte er rot korrigiert und mit zahlreichen Anmerkungen versehen. Der wiedergegebene Hefter sah aus wie ein modernes Werk aus dem Kunstunterricht. Die vorgespielte Autorität wich zum Jahresende der eigentlichen Güte von Franz Glorius, die theatralisch inszenierten Klassenbuch-Tadel kamen nicht aufs Zeugnis, die angekündigten Fünfen konnten mit kleinen Lern-Anstrengungen ausgeglichen werden. Letztendlich beendete der Lehrer Glorius das Halb- bzw. Schuljahr im Frieden mit seinen Schülern und den zwischendurch protestierenden Eltern. Übrig blieb ein Religionsunterricht mit sehr viel Sozialkunde, Biologie, Aufklärung, politischer Wissenschaft, Erdkunde und einer Art „Lebenskunde“ - wie es der atheistische Humanistische Verband an Berliner Schulen heute nennen würde. Franz-Josef Glorius zeigte uns das Leben in allen Facetten.

 

Monatskarten links entlang“ - die Bushaltestelle

 

Die Position des „Sicherheitsbeauftragten“ gab es zur Zeit von Pater Glorius nicht. Hätte es ihn gegeben, wäre er der beste Repräsentant dieser Berufssparte. Die Haltestelle an der Hofjägerallee, an der die meisten Schüler auf die BVG-Busse 16er und 24er warteten, war nach der 5. und 6. Stunde von Glorius streng bewacht. Wer ihn dort u.U. das erste Mal erlebt haben sollte, erlebte einen sehr viel strengeren Glorius. In seiner selbst gewählten Verkehrspolizei-Funktion wirkte Glori eher ernst und angespannt und hoch konzentriert. Jeden einzelnen Schüler hatte er im Visier und seine Sorge um einen Unfall war groß. Die Verkehrsecke ist bis heute stark befahren und die Ampel vom CK zur anderen Straßenseite steht nur kurz auf Grün. Wer über Rot ging wurde hart abgestraft, im Klassenbuch gab es einen „Tadel wegen Lebensgefahr!!!“, der gelangte dann auch aufs Zeugnis und P. Glorius gelang es damit, sein Anliegen sehr klar zum Ausdruck bringen: Keine Verkehrsopfer vom Canisius!

An der Haltestelle ereigneten sich dann oftmals kuriose Kommunikationsformen: Drei Schülern gleichzeitig redete er ins Gewissen, wie der Nachmittag auszusehen habe, von fast allen wußte er, wo sie wohnen und wie die Anschlußbusse und -Bahnen hießen. „Paß beim Umsteigen auf, der Spalt zwischen U-Bahn und Bahnsteig an der Linie 1 ist breiter als normal!“ Beim Reinbegleiten in den Bus zog er den Busfahrer in die Kommunikation hinein und erzählte kurze Geschichten über die Schüler oder die Eltern oder pries deren Geschäft an: „Herr Busfahrer, der Vater Schmidt hat einen tollen Tante -Emma-Laden in Britz, kaufen Sie mal zum Wochenende dort ein und sorgen Sie für Umsatz bei den Eltern meines Schülers....!Wer eine Monatskarte hatte, sollte das Einsteigen nicht behindern und er schob förmlich eine Kinderreihe links am Schaffner vorbei. So und anders verausgabte sich P. Glorius 25 Jahre lang am CK, unzählige Ereignisse mit und um Glori fallen mir noch ein, wie kommt man bei so einer Persönlichkeit zum guten Schluß? Indem man zum Anfang dieses Nachrufs zurückkehrt...

 

Die letzten Jahre: Gertrauden – Frauenbundhaus – Kladow

 

Wenn man sein Abitur gemacht hat, läßt man im allgemeinen einige Zeit verstreichen, um an seine Schule zurückzukehren. Manche kommen niemals mehr zurück. Mein erstes Ehemaligentreffen, das ich besuchte, fand in etwa ein Jahr nach der Versetzung Gloris ins Gertrauden-Krankenhaus statt. Nach dem Weggang des Rektors P. Lachmund  nahm er dann wieder von Zeit zu Zeit an Canisianischen Veranstaltungen teil. Als ich ihn das erste Mal wieder sah, war ich erschüttert von der physischen Veränderung, vom Sportsmann war nicht mehr viel zu entdecken, ich glaube, es ist nicht zu vermessen, einen gewissen Zusammenhang seiner seelischen Befindlichkeit und der physischen Veränderung zu sehen. Auch wenn er als „guter Jesuit“ dem Gehorsam gefolgt war, hat er ihn nicht wirklich verinnerlicht. Ein Pater, der im Nummernschild seines Autos das „S.J.“ hatte und es handschriftlich und im Druck auf den Couverts stolz vor sich hertrug, er mußte gehorchen, obwohl er es eigentlich nicht wollte.

 

Schon bald als Krankenhausseelsorger, wo er eine kleine Wohnung in der Aachener Str. bezog, in der er sich nie wohl fühlte, wie er es geschildert hatte, kam es zu Unfällen, anfänglich zelebrierte er dort im Rollstuhl, dann absolvierte er seine Krankengänge mit Krücken, die er die nächsten Jahre nicht mehr loswerden sollte. Das Gertrauden ließ ihn im Jahr 2004 ungerne weiterziehen, wo immer er war, man wollte ihn halten. Auch dort blieb sein Kommunikationsdrang ungebrochen und schließlich war auch das Frauenbundhaus untröstlich, daß er ab Januar 2013 nach Kladow kam, dem Alterssitz der Jesuiten.

 

Gezeichnet durch zahlreiche schwere Krankheiten verbrachte er die letzte Zeit wieder im Rollstuhl, wie kurz nach seinem ersten Sturz im Gertraudenkrankenhaus. Heute ist man mit 79 Jahren oft noch aktiv und im Leben stehend und könnte noch einige gute Jahre der Schaffenskraft vor sich haben. Für Pater Franz-Josef Glorius S.J. war der Leidensweg zu Ende. Auch die Masse an Trauergästen zu seiner Beerdigung im Dezember 2014 spiegelt die Popularität, Beliebtheit, das Charisma und das ganz Besondere dieses Priesters und Lehrers wider. Die Zeit ab 1990 – also nach dem Canisius-Kolleg - war eigentlich zu wenig für diesen Mann, für einen Jesuiten und Menschen, wie Pater Glorius es war.

 

 

 R.R.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christoph P. (Montag, 28 März 2016 23:50)

    Es freut mich doch, dass Pater Glorius hier sehr viel besser und treffender gewürdigt wurde als im Tagesspiegel. Durch seinen Alt-Schüler hier ist er vor meinen Augen wieder richtig lebendig geworden. Dass der neue Rektor den Nachruf nicht im Schul-Jahrbuch veröffentlicht hat, ist unbegreiflich. Aber nun ist er einem größeren Leser-Kreis zugänglich.

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