Prof. Dr. Dieter Geulen - Ein Nachruf

 

 

Von Ramin Rowghani

 

Der Fachbereich 12 der Freien Universität Berlin, an dem ich viele Jahre studiert hatte, war in den 80er Jahren noch in "Erziehungs- und Unterrichtswissenschaft, Psychologie und Sportwissenschaft" aufgeteilt. Die halbe Pädagogische Hochschule, an der Tausende von Lehrern studiert hatten, hat sich hier an der FU wiedergefunden, die meisten Professoren der legendären PH in Berlin-Lankwitz, Malterstraße lehrte nach der unfaßbaren Auflösung dieser exzellenten, vielleicht besten Pädagogischen Hochschule Deutschlands an der FU weiter. Dieter Geulen hatte nur am Rande mit ihr zu tun, aber in der FU in Dahlem ging er so richtig auf.

 

Eigentlich war Dieter Geulen  Professor für Sozialisationsforschung/Sozialisation und Lernen am Fachbereich Erziehungs- und Unterrichtswissenschaften, dem Jahrzehntelang der unvergessene Bildungssoziologe Jürgen Raschert vorstand (als geschäftsführender Direktor und Vorsitzender des Prüfungsausschusses). Vielmehr hätte Dieter Geulen zum Fachbereich Psychologie gepaßt, der ja wiederum unterteilt war im linken PI (Psychologisches Institut), dessen Protagonisten z.B. Ute Osterkamp und Klaus Holzkamp waren und im rechten, eher konservativen IfP (Institut für Psychologie ), das wiederum gestützt war durch Professoren-Größen wie Ralf Schwarzer, Ludwig J. Issing, Peter Walschburger und Wolfgang Schönpflug. In anderen Jahrzehnten könnten auch weitere Namen genannt werden. Dieter Geulen hätte in alle Bereiche gepaßt von Links nach Rechts und eben bei den Erziehungswissenschaftlern, wo er ja ohnehin angesiedelt war.

 

Ich selbst habe meine ersten Sigmund-Freud-Vorlesungen erstaunlicherweise bei Dieter Geulen gehört und vom Gymnasium und dem Zeitgeist her standen wir zu jener Zeit, in den 80er Jahren Sigmund Freud sehr kritisch gegenüber. Freud war out, viele seiner Thesen waren überholt oder widerlegt worden, aber als künftiger Erziehungswissenschaftler/Pädagoge und Psychologe mußte man Freud doch intensiv studiert haben und ich belegte wohl aus eher technisch-organisatorischen Gründen als aus fachlichen Gründen die Seminare bei Prof. Dieter Geulen über Sigmund Freud, was sich während des Semesters und überhaupt nicht als Fehler erwies.

Im Gegenteil: Aus dem Abstand der Wirren um viele Psychologie-Schulen und der Gelassenheit eines Hochschullehrers seines Niveaus konnte Dieter Geulen uns Sigmund Freud doch sehr nahe bringen.

 

Seine „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ wurden durch Dieter Geulen ein Universitärer Knüller und so konnten wir Studenten (nicht wir „Studierenden“, welch ein modisches Unwort!) dem unbeliebten Freud doch eine Menge abgewinnen.

 

An einem Seminar-Nachmittag kam Professor Geulen mit einer Sonnenbrille in den Raum der Silberlaube und begrüßte uns in seiner ohnehin immer lockeren Art mit: „Nicht, daß sie jetzt denken, ich bin hier durchgeknallt und trage wie ein Popstar eine Sonnenbrille, aber ich wurde gerade am Auge operiert und den Anblick will ich ihnen nicht zumuten!“ und gleich fuhr er mit Freuds Theorien fort, ohne daß wir ihm in die Augen schauen konnten.

 

Sein Steckenpferd blieb die Sozialisation und seine Definition, die er gemeinsam mit dem heute noch an der Hertie School of Governance lehrenden Professor Klaus Hurrelmann aufstellte, war eine klare:

Sozialisation ist der Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Eine umfassende Theorie der Sozialisation hat daher einerseits vom Persönlichkeitsbegriff ausgehend die innerpsychischen Prozesse zu thematisieren, in deren Verlauf bestimmte Bedingungen in der konkreten Umwelt eines Individuums unter Mitwirkung seiner physischen Ausstattung zu psychischen Formationen verarbeitet werden (psychologische Ebene) und andererseits die dem Subjekt gegenüberstehenden gesellschaftlichen Umweltbedingungen, bzw. deren gesellschaftlichen Vermittlung, bis hin zu den allgemeinen Strukturbedingungen des jeweils gegebenen historischen Gesellschaftssystems nachzuzeichnen (soziologische Ebene)...“

 

(vgl. Handbuch der Sozialisationsforschung Klaus Hurrelmann;  Dieter Geulen,
Weinheim: Beltz, 1980. S. 51-67 )

 

Nach der Wende (der Begriff stammte übrigens von Egon Krenz) wandte sich Dieter Geulen der Sozialisation in der DDR zu und fand einiges interessante aus der „staatsnahen Intelligenz“ heraus.

 

Geulen konnte hervorragend mit Begriffen umgehen, ob er eine „subjektorientierte Sozialisationstheorie“ entwickelte oder den Studenten die „Selbstsozialisation“ präsentierte und zerpflückte, alles, was er tat, könnte man als „wissenschaftlich originell“   einordnen.

Am 1. April 2003 ging Dr. Dieter Geulen, Professor für Sozialisationsforschung/Sozialisation und Lernen, in den Ruhestand.

 

Dieter Geulen wurde kein FU-Star, obwohl er intellektuell, wissenschaftlich und von der Persönlichkeit her einer hätte werden können. Er hatte sogar bei aller Intellektualität einen gewissen Unterhaltungswert. Was ihm zum Star-Professor fehlte, war die gewisse Chuzpe, dazu blieb er zu bescheiden, aber gerade das machte die besondere Persönlichkeit von Dieter Geulen aus. Ich konnte viel bei ihm und von ihm lernen. Dieter Geulen starb im Januar 2017 77-jährig in Berlin, wenige Tage vor seinem 78. Geburtstag.

 

R.R.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Christian Berger (Dienstag, 19 September 2017 06:24)

    Genau so habe ich Prof. Geulen erlebt. Woran ist er eigentlich gestorben?