Berlin-Faszination Bellevue

Von Edelgard Richter


Das Schloss des deutschen Bundespräsidenten


Der offizielle Amtssitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland ist das Schloss Bellevue in Berlin, das seinen Namen der herrlichen Aussicht in den Park verdankt, der schon vor der Erbauung des Schlosses 1784 mit vielen „points de vue“ angelegt wurde. Bereits 1746 errichtete Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, der Baumeister des preussischen Königs Friedrich des Großen, auf dem Gelände am Ufer der Spree ein Landhaus, die sogenannte Knobelsdorff’sche Meierei. 1764 übernahm der Kommerzienrat Schneider das Anwesen und baute darauf eine Lederfabrik Der nachmalige Besitzer des Grundstücks, der preußische Steuerminister Freiherr von der Horst, baute die Fabrik dann zu einem Wohnhaus um. Der jüngste Bruder von Friedrich dem Grossen, Prinz August Ferdinand von Preußen, kaufte 1784 die Liegenschaft und ließ von dem Architekten Michael Philipp Boumann in der Bauzeit von 1785 bis 1787 das Schloss Bellevue errichten. Es wurde in einem Übergangsstil zwischen Barock und Klassizismus gebaut und sollte als Wohnschloss dienen.


Nach Fertigstellung des Baues bewohnte Prinz August Ferdinand mit seiner Familie das Schloss bis zu seinem Tode 1813 im Sommer und manchmal auch im Winter. Während dieser Zeit wurden im Mai 1804 der Dichter Friedrich von Schiller und 1806 Kaiser Napoleon als Gäste empfangen. Von 1816 bis 1843 übernahm der jüngste Sohn von Prinz August Ferdinand Schloss Bellevue. 1843 kaufte König Friedrich Wilhelm IV. das Schloss als Krongut. 1844 wurde darin die „Vaterländische Galerie“ als erstes Museum für zeitgenössische Kunst in Preußen eingerichtet, die 1865 geschlossen wurde. Der König nutzte das Schloss ab 1847 als Sommerwohnung für sich und seine Familie sowie für Mitglieder des Hofstaates und Verwandte. Nach 1865 zog Herzog Wilhelm von Mecklenburg-Schwerin mit seiner Gemahlin Alexandrine, die beide eng verwandt mit dem preußischen Königshaus waren, in das Schloss Bellevue ein. Sie wohnten dort bis 1877. Ab 1888 wurde das Schloss dann von der kaiserlichen Familie als Wohnung und Gästehaus genutzt. Kaiser Wilhelm II. ließ das Gebäude umfangreich sanieren: Unter anderem wurden Fassadenhöhe und Überdachung der Seitenflügel dem Hauptflügel angepasst. Bis zu seiner Abdankung 1918 hielt er sich oft zusammen mit Kaiserin Auguste Viktoria im Schloss Bellevue auf.


1928 ging der Besitz von den Hohenzollern auf das Land Preußen über. Von 1929 bis 1933 fand im Hauptbau die „Große Berliner Kunstausstellung“ statt; ab 1935 wurde das „Staatliche Museum für Deutsche Volkskunde“ eingerichtet. Nach Ankauf des Schlosses durch das Deutsche Reich 1938/1939 wurde das Schloss von dem Architekten Paul Baumgarten zum Reichsgästehaus umgebaut; ein weiterer Flügel wurde angebaut. Bereits 1941 – während des Zweiten Weltkrieges – wurden das Schloss und der umgebende Park schwer beschädigt. Vom Hauptgebäude blieben nur die Aussenwände stehen, allerdings blieben die Seitenflügel erhalten und wurden als Privatwohnungen genutzt.


Der Deutsche Bundestag in Bonn bestimmte 1957 Schloss Bellevue zum zweiten Amts- und Wohnsitz des Bundespräsidenten. Es wurde bis 1959 wieder aufgebaut , wobei die Gestaltung der Außenfront nach den ursprünglichen Plänen des Architekten Boumann erfolgte. Alle Bundespräsidenten hielten sich häufig besuchsweise im Schloss Bellevue auf, durften jedoch aufgrund des Viermächteabkommens von 1971 keine Amtshandlungen in Berlin vornehmen. In den Jahren 1986 bis 1987 wurde dann eine gründliche Renovierung des Schlosses vorgenommen, verbunden mit einer Neugestaltung im Inneren des Hauses um die Räumlichkeiten dem äußeren historischen Erscheinungsbild anzupassen.


Ab 1994 hatte dann der Bundespräsident seinen ersten Amtssitz in Berlin. Roman Herzog war der erste Bundespräsident, der mit seiner Frau in einem Flügel des Schlosses Wohnung nahm. Für den nächsten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Johannes Rau, mit Frau und drei Kindern war die Wohnung zu klein, so dass lediglich die Amtsgeschäfte im Schloss Bellevue vorgenommen wurden. In den Jahren nach 1994 fanden zahlreiche Empfänge und Veranstaltungen im Schloss statt, weshalb Umbau- und Sanierungsmaßnahmen erforderlich waren. Von Mai 2004 bis Dezember 2005 wurde Schloss Bellevue daher zur Baustelle. Heizungs-, Belüftungs- und Elektroanlagen wurden erneuert und moderne Medientechnik eingebaut. Am 8. Januar 2006 konnte dann die Schlüsselübergabe an Horst Köhler, den damaligen Bundespräsidenten, erfolgen. Von 2010 bis 2012 war Christian Wulff, der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen, „Schlossherr“, ihm folgte der jetzige Bundespräsident Joachim Gauck.


 E. R./ Dela Press.



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