Monster überall: Pokemon go verwandelt Passanten in Zombies - Eine kritische Analyse

 

 

Von Jens-Michael Groß

 

 Am 13. Juli 2016 begann in Deutschland die Invasion. Myriaden von knuffigen bunten Monstern aller Formen und Größen bevölkern unsere Straßen. Für Normalbürger sind sie unsichtbar. Aber die App ‚Pokémon Go‘ für Android und IOS Smartphones macht sie sichtbar. Man muß nur die Umwelt durch die Linse seines Smartphones betrachten und schon sieht man sie überall lauern.

Auf den ersten Blick scheinen die Pokémons harmlos zu sein. Es ist ein Leichtes, sie einzufangen. In Windeseile hat sich eine riesige Jägergemeinde gebildet, die Jagd auf die possierlichen virtuellen Monsterchen - Pokémons genannt - macht, sie sammelt, tauscht oder gegen die Pokémons anderer Jäger antreten lassen. Ein toller Zeitvertreib, der ‚Couchpotatoes‘ vom Sofa aufstehen läßt und Kinder wieder zum Spielen auf die Straße lockt.

So scheint es jedenfalls. Auf den zweiten Blick offenbart sich jedoch eine Vielzahl von Fallstricken, die nicht nur für den Geldbeutel, sondern sogar für Leib und Leben eine Gefahr bilden.

 

Mit dem Verkauf der App hat der Hersteller bereits jetzt einen riesigen Umsatz erzielt. Denn auch wenn die Installation kostenlos ist, so gibt es doch zahlreiche Möglichkeiten, per in-App-Kauf sein Geld loszuwerden. Mit diesem Geschäftsmodell sind Entwicklerstudio Niantic und Publisher Nintendo nicht alleine. Das free-to-play-Prinzip ist nicht neu, und in den meisten derartigen Spielen, wie auch bei Pokémon Go, kann ein disziplinierter Spieler auch ohne kostenpflichtige Zukäufe seinen Spaß haben. Wobei ‚diszipliniert‘ das wichtige Kriterium ist. Genervte Eltern werden ihren quengelnden Kindern sicherlich so manche Pokémünze kaufen.

Doch während andere free-to-play-Titel damit ihre Grenze der Profiterwirtschaftung erreicht haben, ist bei Pokémon Go das Ende noch lange nicht erreicht. Denn die App späht den Benutzer aus. Das ist für das Spiel zwingend notwendig. Damit die Pokémons im Blickfeld der Kamera erscheinen, müssen Position und Blickrichtung des Smartphones (und damit des Besitzers) an den Server weitergeleitet werden. Es ist Nintendo damit allerdings auch möglich, ein komplettes Bewegungsprofil des Spielers zu erstellen. Inklusive (theoretisch) dessen, was er gerade sieht. Orwell’s „1984“ läßt grüßen. Von der datenschutzrechtlichen Seite einmal abgesehen (viele Leute verkaufen eh bereits ihr Privatleben für PayBack-Punkte und ähnliche Datensammel- und Profilerstellungssyteme) bedeutet das zudem, dass eine ständige Serververbindung besteht. Und dass ein ständiger (und nicht zu kleiner) Datentransfer stattfindet. Echte Flatrates für den Datentransfer bei Smartphones sind aber, vor allem im zahlungsfähigen und damit schröpfungswerten Deutschland, praktisch nicht existent. Das bedeutet in der Praxis, dass das vorhandene Datenvolumen in kürzester Zeit aufgebraucht ist. Ein teurerer Telefontarif oder teure Zubuchungen sind die Folge. Das bringt zwar Nintendo keine Einnahmen, belastet den Spieler aber deshalb nicht weniger.

 

Die große Einnahmequelle besteht jedoch bei der Verwertung der Spielerdaten. Auch wenn Nintendo die Daten nicht direkt verkaufen sollte (was durchaus nicht ausgeschlossen ist: andere Länder, andere Datenschutzgesetze), so lassen sich daraus lukrative Dienstleistungen ableiten, deren Einkünfte das Geschäft mit in-App-Verkäufen um ein Vielfaches übersteigen. Läden können dafür bezahlen, dass vor ihren Eingangstüren oder im Laden selber Pokémons erscheinen und die Spieler hereinlocken. Oder ein Kauf wird mit dem Erscheinen eines besonders seltenen Exemplars ‚belohnt‘, das sozusagen an der Kasse wartet. Die Liste der gewinnträchtigen Anwendungen ist nahezu endlos. Natürlich würde sich kein vernünftiger Mensch derart steuern lassen, oder? Die Realität zeichnet leider ein anderes Bild:

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis es zum ersten durch Pokémon Go verursachten Todesfall kommen würde: In Guatemala gerieten zwei Teenager nachts auf der Jagd nach Pokémons in eine üble Gegend und wurden beschossen1. Einer wurde getötet, sein Cousin schwer verletzt. Möglicherweise wurden sie in der Dunkelheit für Mitglieder einer konkurrierenden Gang gehalten. Es gibt aber auch Vermutungen, dass sie gezielt über die App lokalisiert wurden (s.o.).


Der Tote war bereits im Bett, als eine Einladung seines Cousins zur Pokémon Jagd ihn noch einmal aus dem Haus gehen ließ. Damit ist eingetreten, was Omari Akil bereits am 7. Juli in ihrem mit „Pokémon No“ betitelten Blog-Post2 über ihre ersten Erfahrungen mit Pokémon Go befürchtet hat.Verstörende Nachrichten auch aus Bosnien: Die Organisation ‚Posavina bez mina‘ hat auf Facebook eine Warnung3 an Spieler veröffentlicht, bei der Jagd nach Pokémons auf die Warnschilder an Minenfeldern zu achten. Während des Krieges in Bosnien wurden zwischen 1992 und 1995 rund 120.000 Landminen vergraben. Seit Ende des Krieges sind über 600 Personen durch bisher nicht explodierte oder geborgene Minen gestorben. Es wird befürchtet, dass sich die Zahl der Minenopfer durch das Spiel um ein Vielfaches erhöhen wird, wenn Spieler unachtsam auf in Minenfeldern wartende Pokémons zulaufen. Denn die Monster erscheinen praktisch überall, ohne Rücksicht auf Privatbesitz – oder Minenfelder.

 

Dagegen nehmen sich andere Zwischenfälle nahezu harmlos aus: In Baltimore rammte ein SUV-Fahrer auf der Jagd ein Polizeifahrzeug4. Derartige Unfälle sind bereits aus der Zeit der Tamagotchis bekannt. Glücklicherweise kam niemand zu (körperlichem) Schaden. Es hätte statt eines großen, unübersehbaren Polizeifahrzeugs aber auch ein kleines Kind sein können, das vor dem Kühlergrill des SUVs sein Ende gefunden hätte.

Inzwischen mehren sich auch die Berichte darüber, dass Spieler Opfer von Überfällen oder Taschendiebstählen wurden, da sie sich entweder auf der Jagd in abgelegene Positionen gebracht haben, wo sie gefahrlos ausgeraubt werden konnten, oder durch das Spiel so abgelenkt waren, dass sie leichte Beute für Taschendiebe darstellten.

 

Aber abgesehen von diesen (sich rapide häufenden) den Einzelnen betreffenden Fällen hat der Pokémon Go Hype auch erste Auswirkungen auf das öffentliche Leben in Deutschland: Am 27. Juli wurde die Düsseldorfer Kö von hunderten von Spielern nahezu blockiert. Anscheinend hatte sich dort ein Hotspot für Pokémons gebildet. Es ist nicht bekannt, ob ein gewollter Zusammenhang mit der Vielzahl an hochpreisigen Geschäften entlang der Kö besteht, oder ob es nur die hohe Anzahl von dort georteten Passanten war, die sich zu einem Hotspot aufschaukelte. Fakt ist jedoch, dass zur Sicherheit der vielen scheinbar kopflos herumirrenden Passanten die Kö am 28. Juli für den Autoverkehr gesperrt werden musste. Es soll sogar Pläne geben, Toiletten aufzustellen. Auf den Unannehmlichkeiten und Kosten bleiben Anwohner und Steuerzahler sitzen, den Verursacher kümmert es nicht.

Ich wage mir gar nicht vorzustellen, welche Möglichkeiten sich zudem für Hacker und Terroristen bieten. Hunderte Menschen, durch Manipulation der Server an einen präparierten, zuvor vollkommen unverdächtigen Ort gelockt geben ein ausgezeichnetes Ziel ab. Und die Behörden wären vollkommen machtlos. Das mag etwas weit hergeholt klingen, aber die Möglichkeiten sind da. Und die Erfahrung hat gezeigt, dass sie irgendwann auch genutzt werden.

Die Zombiefizierung der Menschheit hat begonnen, der Verstand wird durch die Urinstinkte des Jägers und Sammlers ausgeschaltet, das Individuum zu einem Teil einer durch virtuelle Sammelobjekte gesteuerten Masse. Pokémon Go hat gute Chancen, als erstes Computerspiel weltweit wegen Gemeingefährlichkeit verboten zu werden. 

 

1 http://www.independent.co.uk/life-style/gadgets-and-tech/news/pokemon-go-death-guatemala-shot-danger-safety-dead-a7145836.html

2 https://medium.com/mobile-lifestyle/warning-pokemon-go-is-a-death-sentence-if-you-are-a-black-man-acacb4bdae7f#.q9to4gq9s

3 https://www.facebook.com/pbmbrcko/?fref=ts

4 http://www.cbsnews.com/news/watch-pokemon-go-driver-hits-parked-baltimore-police-car/

 

J.-M.G.

 

 

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