Das Bambi und Maria Schell: Der letzte Vorhang eines deutschen Weltstars

Von Manfred Zlotorzenski und Klaus Ernst


 

 

Wir schreiben den Herbst 2002 in Berlin. Während Verleger Fred Linde und Chefredakteur Ramin Rowghani von Menschen und Medien vor Ort ergriffen und erstaunt waren vom Überraschungsauftritt von Maria Schell bei der Bambiverleihung im Berliner Estrel-Hotel in Neukölln, zitterte die halbe Nation mit, ob die große Schauspielerin den Abend gut übersteht. Und sie hat es. Daß sie sich überhaupt dem Publikum gezeigt hatte, war eine Sensation, denn seit Jahren hat sich der Deutsche Weltstar nicht mehr live dem Publikum gezeigt, weil sie von Krankheiten gezeichnet, zum Pflegefall wurde. Arthrose, zwei neue Hüftgelenke, mehrere Schlaganfälle, ein schwerer Sturz, Depressionen, Fehlernährung, Alkohol und eine Reihe schwerer Medikamente ließen sie abstürzen.

Wer hätte das einmal gedacht, daß diese einst schöne und ewig vitale Frau, die am 15. Januar 1926 in Wien als Tochter des Dichters Hermann Schell und Margarete geboren wurde, einmal so endet? Sie spielte als Deutsche mit Weltstars wie Gary Cooper, Yul Brynner, Glenn Ford, Marlon Brando, Jean Marais, Marcello Mastroianni, Raf Vallone, Curt Jürgens und mit den großen deutschen Kollegen Paul Hubschmid, Dieter Borsche und O.W. Fischer.

Als junge Filmjournalisten der KKM-Berlin-Medienagentur trafen wir Maria Schell das erste Mal 1956 bei den Dreharbeiten von „Rose Bernd“ am Hotel Kempenski am Berliner Kurfürstendamm zusammen mit Raf Vallone, der in diesem Bambi-Jahr 2002 86- jährig starb, sie war zu uns immer besoders zugänglich und kommunikativ, auch bei allen anderen Begegnungen. Wir erlebten, wie sie am Kempinski eine Autotür mit voller Energie zuschlug und die Scheibe in tausend Stücke zerbrach, eine Anekdote, die wir ihr bei weiteren Begegnungen immer wieder zum Besten gaben. Das „Seelchen“, wie man sie wegen ihrer ergreifenden Filmtränen nannte, ergriffen von dieser selbst verursachten Situation, fing dabei aber wirklich an zu weinen. Unsere Medienagentur KKM traf sie dann zusammen Ende der 70er Jahr beim Umsteigen auf dem Flughafen München-Riem und wir flogen gemeinsam mit ihr vorne im Flugzeug und mit Sydne Rome hinten nach Berlin zum Film „Gigolo“. 1982 spielte Maria Schell sogar in der Berliner Freien Volksbühne im Stadtteil Wilmersdorf das Stück „Elisabeth“, sie spielte die Königin und kümmerte sich persönlich darum, daß wir Ehrenkarten erhielten. Ihr Erinnerungsvermögen war groß, ihr Herz ebenso.

Nach anfänglich einer ganzen Reihe deutscher Filme in den Vierziger Jahren brachte ihr den internationalen Durchbruch 1954 der Film DIE LETZTE BRÜCKE (ausgezeichnet mit dem Darstellerpreis in Cannes und Venedig) es folgten u.a. DIE RATTEN (1955) und GERVAISE (1955), für den sie den Coppa- Volpi – Pokal als traditionellen Volpi-Preis in Venedig bekam. Neben Produktionen in ihrem Heimatland Deutschland, England und Frankreich sah man sie auch in Viscontis WEISSE NÄCHTE und, ebenfalls 1957, in Hollywood an der Seite von Yul Brynner im legendären DIE BRÜDER KARAMASOW und sprang sie für Marilyn Monroe ein, man bedenke, welchen filmischen Stellenwert sie hatte, wenn sie – die Deutsche für den Superstar Marilyn Monroe einspringen durfte.

1958 folgte in Deutschland SCHINDERHANNES und in Frankreich UNE VIE (Ein Frauenleben), in den USA 1959 THE HANGING TREE (Der Galgenbaum) mit High-Noon-Star Gary Cooper, im gleichen Jahr in Deutschland RAUBFISCHER IN HELLAS unter der Regie von Horst Hächler, den sie vorher, 1957, heiratete . 1960 spielte in dem US-Western CIMARRON an der Seite von Glenn Ford. In dieser Zeit feierte sie auch Riesenerfolge im amerikanischen Fernsehen mit diversen Produktionen und Showauftritten. Maria Schell wurde ein Weltstar und Millionärin.

In den 60er Jahren drehte sie wieder in Amerika, in Frankreich und in Deutschland, beispielsweise den sehr populären Film RIESENRAD mit O.W. Fischer und spielte in Frankreich und im Deutschland Theater, u.a. die Luise in KABALE UND LIEBE zu den Salzburger Festspielen im Jahre 1955. Bekannt wurden auch ihre Filme DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR (1969), CHAMSIN und DIE PFARRHAUS-KOMÖDIE (1970/1971 beide unter der Regie von Veit Relin), DIE AKTE ODESSA, CHANGE (beide 1974), SO ODER SO IST DAS LEBEN aus dem Jahr 1975. Ein Jahr später sah man sie in Claude Chabrols DIE VERRÜCKTEN REICHEN. Sie spielte auch in Christian Hohoffs SPIEL DER VERLIERER (1978) und in dem internationalen Film SUPERMAN aus dem Jahr 1978 mit Christopher Reeves, der später durch einen schweren Sportunfall nur noch sein Gesicht bewegen konnte und schließlich viel zu früh starb. Außerdem sah man sie in Klaus Emmerichs DIE ERSTE POLKA (1978) und 1982 in der französisch-deutschen Gemeinschaftsproduktion von Atze (Artur) Brauners DIE SPAZIERGÄNGERIN VON SANS-SOUCI, in einer kleineren Rolle. Das „Lexikon des internationalen Films“ (zitiert nach Dirk Jasper 1999) schrieb damals zu Romy Schneiders letzter Rolle in diesem CCC-Film, Spandau-Haselhorst:
„Als große Rückblende erzählter melodramatischer Liebesfilm mit politischen Bezügen, der arg konstruiert wirkt und die heraufbeschworene Nazi-Zeit eher als nostalgisch angehauchte Zeitkulisse einsetzt“
Anschließend sah man sie in dem amerikanischen TV-Film WHO HAS SEEN THE WIND? (1964) und in Kurt Wilhelms DIE UNGARISCHE HOCHZEIT (1968). Alle folgenden 70er Jahre TV-Produktionen waren Erfolge: FRAU JENNY TREIBEL, DER BESUCH DER ALTEN DAME, ELISABETH VON ENGLAND, (1982), DER TRAUSCHEIN (1983). Dazu kamen Rollen in TV-Serien wie DER KOMMISSAR, DERRICK, TATORT und DER KLEINE DOKTOR mit dem Berliner Theater-Star Peer Schmidt, der damals mit der Arzt-Rolle einem großen TV-Publikum bekannt wurde. Nun wieder in den USA spielte sie im Kojack-Krimi an der Seite von Telly Savallas, den wir auch in den 70er Jahren in Berlin trafen in der Kult-Serie EINSATZ IN MANHATTAN. Margret Dünser berichtete damals in ihrer berühmten V.I.P.-Schaukel von Telly Berlin-Besuch. Telly Savallas schloß übrigens sein Grundstudium der Psychologie ab und begründete dadurch seine Schauspielkunst für spezielle Charaktere.

Im Jahr 1975 spielte die Schell die Rolle der Ordensschwester im französischen Fernsehen in der 40-teiligen Serie MARINA - ZU DEN FRIEDLICHEN QUELLEN. Mit ihrem zweiten Ehemann, Veit Relin, rezitierte sie 1977 in der ARD: „Die Briefe der Familie Mozart“ und „Ich küsse ihnen 1000 Mal die Hände“. Wieder in Amerika spielte sie 1976/1977 monatelang in einer New Yorker Broadway-Inszenierung mit großem Erfolg beim US-Publikum, was außer der (Marlene) Dietrich und der (Hildegard) Knef keiner deutschen Frau gelang.
Bis in die 90er Jahre spielte sie unentwegt, dann meist in Fernsehrollen, ihre letzte gewichtige war im Tatort HEILIG BLUT von1996.

Wir begegneten Maria Schell immer wieder persönlich zu zahlreichen Premieren und anderen Veranstaltungen, wie z.B. bei der Goldenen Kamera in Berlin. Die eben nur in Auszügen vorgelegte Karriere von Maria Schell zeigt ihre ungeheure Bekanntheit, Popularität und künstlerischen Erfolg auf der ganzen Welt. Umso schmerzhafter ist ihr Verfall. Ihr Bruder Maximilian inszenierte in den Jahren 2001/2002 eine bewegende Dokumentation: MEINE SCHWESTER MARIA und zeigte sie in der Verfassung ihrer letzten Lebenszeit. Er zeigt, wie sie zurückgezogen im Kärntner Land lebte und von der Bäuerin Gusti betreut und gepflegt wird.

Daß das deutsche Publikum sie im November 2002 live zur Bambi-Verleihung sehen konnte, hatte man der Chefredakteurin von Bunte Patricia Riekel zu verdanken, die liiert ist mit dem Amtskollegen vom Focus Helmut Markwort. Sie ließ nicht locker und löcherte Bruder Maximilian, die große Schwester Maria in ärztlicher Begleitung nach Berlin zu fliegen. Der reiche Burda-Verlag machte es dem Star so leicht wie möglich und Maria trat im goldenen Sessel sitzend auf, Maximilian übergab ihr theatralisch den Bambi und bewegte sie sogar dazu, einige klare Sätze in ihrer alten Stimmlage zu sagen:
„Ich stelle das Bambi in den Wald zu den anderen Rehen und dann bleibts da stehen, egal, was die anderen dazu sagen...Danke!“ Stehende Ovationen für einen deutschen Weltstar, dessen Ruhm nicht verblaßt, schon allein kultur- und filmhistorisch.

 

Immerhin hielt sie noch nach diesem diesem letzten Auftritt mehr 2 Jahre aus: Maria Maria Schell starb im April 2005 im Alter von 79 Jahren. Maximilian Schell fand zur Verleihung die anrührenden Worte: „Der kleine Bruder überreicht der großen Maria Schell das Bambi“, inzwischen starb auch der kleine Bruder der großen        Maria Schell Maximilian im Februar 2014 an Diabetes    und  Herzinfarkt 83-jährig.         Schauspiel-Geschwister gibt es kaum noch und schon gar nicht im aktuellen Filmwesen solche von    dieser Klasse.    Ihre Wirkung bleibt in ihrer Kunst über den Tod hinaus.

 

 

(KKM-Berlin, 06-2017 www.kunst-kultur-medien-berlin.jimdo.com) M.Z. / K.E.

 

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