Pädagogik und Psychologie

Zum Zusammenhang von Hysterie und schönen Frauen 

oder: Warum kleiden sich hysterische Frauen besonders gut - Versuch einer satirischen Analyse

 Von Ramin Rowghani

 

Sie sind charmant und reizend, verführen den Mann nach allen Regeln der Kunst und betören ihn, bis er ganz von Sinnen ist. Intime Begegnungen mit ihnen sind etwas Außergewöhnliches“ , so schrieb es der Journalist Oswald im August 2000 in einem Zeitungsartikel und verknüpfte dieses Phänomen mit der „Hysterie“, einem Begriff, der sehr häufig und für ähnliche Phänomene verwendet wird. Daran ansetzend soll hier die Hysterie und die Kommunikationsform zwischen Mann und Frau, in der oft eine hysterische Person involviert ist, genauer angeschaut werden.

Die Hysterie ist eigentlich ein klassisches Neurosenproblem. Trotz moderner und unterschiedlicher Forschungen ist das psychoanalytische Modell der Neurosen, wie es von Sigmund Freud in den Grundzügen entwickelt wurde, immer noch das geschlossenste und das am klarsten systematisierte. Es erlaubt eine Einteilung (neurotischer) psychischer Störungen nach Ausmaß der Beeinflussung der Psyche (umschriebene versus die gesamte Persönlichkeit betreffende Störung) und nach Dauer der Beeinträchtigung (akut versus chronisch-sozialisatorisch).

Eine besondere Form der Neurose bietet die Hysterie als Charakterneurose bzw. Persönlichkeitsstörung (chronisch und die gesamte Persönlichkeitsstruktur in Mitleidenschaft ziehend).

Meist ist eine tief in die Kindheit zurückreichende Vorgeschichte nachweisbar, in deren Verlauf sich ein labiles Gleichgewicht zwischen Trieb und Abwehr aufgebaut hat.
Ein gewisses Ausmaß von neurotischen Konflikten und von pathogener Abwehr kann von jedem ertragen werden, ohne daß er zusammenbricht“ (Fenichel, 1945/1977). Vom Grad dieser Labilität nun hängt es ab, ob ein Mensch auf geringfügige Veränderungen der Lebenssituation oder erst unter schwersten Belastungen z. B. mit einem hysterischen Symptom reagiert.
Häufig treten Faktoren auf, die eine Hysterie auslösen, z. B. Zunahme einer abgewehrten Triebregung wie die Konfrontation mit Erfahrungen, die bewußt oder unbewußt eine Versuchung eines bestimmten Triebwunsches bedeuten und damit diesen stimulieren.

Die psychologische Intensivierung der Abwehrkräfte (alles, was zu einer Intensivierung von Angst-, Schuld- oder Schamgefühlen beiträgt), führt unweigerlich auch zu einer Veränderung des  Kräfteverhältnisses, beispielsweise durch Blockierung von bisher gestatteten Triebbefriedigungen und damit zu einer Gefährdung des inneren Gleichgewichtes, wie es der Heidelberger Medizinsoziologe Prof. Ronald Grossarth-Maticek in seiner Psychoneuroimmunologie anschaulich und wissenschaftlich publiziert. 


Die Psychoanalyse zeigt, daß die für den hysterischen Konflikt wesentliche Triebregung regelmäßig eine infantile, d. h. eine aus den ersten Lebensjahren stammende ist, deren Befriedigung damals verworfen werden mußte, ohne daß der Triebwunsch selbst aufgegeben werden konnte (Verdrängung). Der klassische Fall von Verdrängung, der uns so stark in fast allen Lebenslagen begegnet.

Der neurotische Konflikt zwischen Trieb und Triebhemmung endet regelmäßig mit einer neurotischen Kompromißbildung, dem neurotischen Symptom, das dem Trieb und den triebhemmenden Kräften entweder gleichzeitig oder in zeitlicher Aufeinanderfolge (oft in symbolischer Weise) Ausdruck verleiht.

Die neurotische Symptombildung – also auch die Hysterie - ist somit eine unmittelbare Folge der Wiederkehr des Verdrängten. Als Leser wird man sich nun fragen, was das alles mit dem Thema – nämlich den „schönen Frauen“ - zu tun hat...

Verdrängung


Der Punkt, der uns interessiert, ist die Verdrängung, bzw. das Verdrängte.

Verdrängt sein kann vieles: Wünsche, Ängste, Triebe, Haß etc. Jene nicht rausgelassene Energie wandert in den „Schatten“ und bleibt dort verborgen. Ich habe es einmal verglichen mit dem „Gesetz der Erhaltung der Masse“ aus der Naturwissenschaft. Die Gesamtmasse vor der Reaktion bleibt nach der Reaktion gleich, obwohl nach der Reaktion ein neuer Stoff bzw. ein neuer Aggregatzustand herauskommt. Ebenso verwandelt sich zwar die Form des Verdrängten, aber es kommt neurotisch raus, deutlich in der Hysterie.

Hysterische Personen haben Ihre Qualitäten, die in den ersten Momenten der Begegnungen mit ihnen sogar sehr rasch hervortreten und ihnen zunächst eine Beliebtheit bescheren.

Sie sind bedacht bei dem, was sie sagen und tun, bei ihren Bewegungen, in ihrer Sprache, manchmal auch in ihren ersten Gedanken.

Sie sind charmant mit guten Umgangsformen und präsentieren sich  kultiviert. Sie zeigen sich gebildet und belesen.

Die Frauen dieser Kategorie müssen nicht von Ihrer Natur her schön sein, sehr wohl aber von Ihrer Kultur her, was ihnen wiederum ein schönes Auftreten ermöglicht. Wenn sie eher aus eine Familie kommen, in der z.B. in einem russischen Dorf nicht auf Körpergewicht oder Schönheit gelegt wurde, kommen sie nach Westeuropa und beginnen, an sich zu arbeiten: Sie gehen ins Sportstudio, Leben Vollwertkost nach Dr. Bruker, kaufen teure Marken ein oder ein Imitat derer.

Sie zeigen sich weltmännisch, geschickt, klug, hervorragend gekleidet, sexy, aber (noch) nicht unbedingt ordinär.

Die Männer schauen ihnen nach, haben die wildesten Phantasien mit ihnen und legen sich eine Strategie zurecht, diese Frauen zu erobern, weil sie sich ein abenteuerliches und in vielen Punkten ideales Leben mit ihnen vorstellen. Aus einem häßlichen Endlein wird eine schöne Frau, ein Vamp.

Wird man(n) mit ihnen intimer, auch vertrauter, dann handelt es sich stets um eine besondere Begegnung, die dem Mann eine illusorische Zukunft verspricht.

Schon bald treten Reibungen auf, viel schlimmer, nach einer wie auch immer gearteten Bindung, Beziehung, Freundschaft, Verlobung, oder gar Heirat....wird dem Mann im Extremfall „die Hölle auf Erden“ präsentiert und alles ist fassungslos. Diese Art von schönen Frauen können aus allen Gebieten der Erde entstammen, der alte Ostblock ist nur ein Bespiel oft besonders geschmackvoll gestalteter Weiblichkeit.
 
Viele Männer-Typen haben sich (unbewußt) darauf spezialisiert, sich über viele Jahre nur hysterische Frauen zu suchen und manche schaffen es sogar, mit solchen einige Jahre mehr oder weniger glücklich zusammen zu leben. Oft ist dies aber nur ein Lebensabschnitt von vielleicht ein oder zwei Jahrzehnten, dann hat selbst der größte Anhänger dieser Damenzunft (Dame?) die Nase gestrichen voll und zieht sich bewußt in ein anderes komplikationsfreieres Leben zurück, mit einer simplen, aber unkomplizierten Frau, die ihn nicht völlig glücklich werden läßt, aber Ruhe in sein Leben bringen mag.

So muß dieser Mann sich auf einem weniger energiegeladenen Level bewegen und runterkommen von dem Spannungsfeld, in welchem er sich über Jahre bewegt hatte, was gar nicht so einfach ist, denn die Anspannung bleibt bestehen und das noch über Monate bis Jahre hinweg.
 
Schon bald wird der Mann aber das ästhetische, zauberhafte und reizvolle jener Frauen vermissen und oft an die Lebens-Innovationen, die ihnen beschert wurden, zurückdenken. Die Männer haben von ihnen gelernt, wie sie sich auf dem Parkett der feinen Gesellschaft zu bewegen haben... welche Zeitung man zu lesen hat, nicht etwa die Bildzeitung, sondern eher den Tagesspiegel, welche Firmen und Designer bevorzugt werden, also man nicht seinen Anzug bei Brenninkmeyer/C&A zu kaufen hat, (der vielleicht aus 100% Polyester besteht), sondern lieber nebenan bei Peek & Cloppenburg,  einen Schurwollanzug mit besserer Paßform. All das und vieles mehr können Männer von hysterischen Frauen lernen...

Hysterie bei Männern


Es gibt auch hysterische Männer, macheiner sagt es dem ein oder anderen Homosexuellen nach, aber auch nicht homosexuelle Männer weisen zahlreiche hysterische Verhaltenszüge auf, die sie nur besser versteckt halten, aber irgendwann kommen sie heraus.... beide Geschlechter sind besonders gut gekleidet und zeichnen sich sehr schnell durch Eleganz und Chic aus.

Ästhetik und Hysterie stehen in engem Zusammenhang. Was „das Wertlegen auf Äußerlichkeiten“ beim Hysteriker die Kompensation vergangener (Eltern-) Delikte sein kann, ist die Flucht in die Kunst bei einer anderen Form neurotischer Auffälligkeiten, solche Künstler sind hingegen selbst nicht immer besonders gepflegt, ihre Pflege bewegt sich in der Fremdwelt, nämlich im Kunstobjekt.

Hysterie zeichnet sich durch theatralisches Verhalten auf, bei dem in bestimmten (Krisen-)Situationen Gedankensprünge irrational und emotional, weniger intellektuell auffällig sind. Diese Personengruppe – und in Deutschland macht sie vermutlich 40% aus - kann häufig Illusion von Realität nicht unterscheiden und sie würde erschrecken, wenn man sie bei einem hysterischen Anfall filmte und ihr das Ergebnis hinterher per Video vorspielte.

Was während der Hysterie nicht selbst realistisch wahrgenommen wird, bzw. wahrgenommen werden kann (sonst würde die Person einen solchen Anfall ja nicht zulassen!), würde in der Spiegelung größte Scham evozieren.

Hysterie ist eigentlich eine traumatische Neuroseform, die das "Ich" daran hindert, einen traumatischen Zustand (psychisches Trauma wird als ein zu großer Zustrom an Erregung in einer gegebenen Zeiteinheit konzipiert; Fenichel, 1945/1977), indem es eine, wenn auch entstellte Triebabfuhr ermöglicht und damit einer Überwältigung und Überflutung des Ichs durch die Triebe aus den Angeln hebt. Gelingt dies nicht oder nicht rechtzeitig, u. a. deswegen, weil die Intensität der Reize die Möglichkeiten, sie zu verarbeiten, übersteigt, dann entsteht ein psychischer Notstand, dessen Behebung von destruktiver Bedeutung ist.

Das Vollbild dieser Neurose wird als Ausdruck eines solchen Notstandes und dessen gleichzeitig stattfindenden Coping-Versuchs als Bewältigungstrategie verstanden werden, was zur deutlichen Blockierung und Einschränkung von wesenlichen Ich-Funktionen und eben diese für die Außenwelt unverständlichen Gefühlsausbrüche bei Lappalien führt.

Die Amerikanerin Mady Schutzman promovierte zu diesem Thema am „California Institute of the Arts“ mit der Dissertation: “The real thing – performance, hysteria and advertising“ .
Dr. Schutzman (nomen est omen) gesteht ihre eigenen hysterischen Züge ein, versteht dieses menschliche Phänomen als eine Möglichkeit, Widerstand gegen als eine negativ empfundene Realität auszudrücken.


Angst

Riemann beschreibt in seinen „Grundformen der Angst“ (München 1998 oder auch neuerdings sehr eindrucksvoll als Audio-CD erhältlich, verlegt bei Reinhardt, gelesen von Katja Schild auf 4 CDs) den Zusammenhang von Hysterie und der Angst vor den Grenzen in der Gesellschaft. Diese Angst läßt einen immer wieder nach neuem und ungewöhnlichem streben, um möglichst wenig Angriffspunkte im sozialen Umfeld zu bieten. Bestimmte Familiensituationen, z.B. Ablehnung durch ein Elternteil führt zur hysterischen Persönlichkeit. Da ist es kein Wunder, wenn besondere Kleidung oder übertrieben gefärbte Haare etc. zur gesellschaftlichen Anerkennung führen sollen, zu jener Anerkennung, die sich das Kind so sehr von den Eltern gewünscht hatte und nie bekommen durfte! Schon in jener Zeit waren äußere Reize unbewußt der einzige Weg, die Aufmerksamkeit der Eltern bzw. Elternteile zu erregen, was schematisch für künftige Beziehungen zu den Mitmenschen einwirkt; das ehemals abgelehnte Mädchen wird später als Frau mit besonders geschickt eingesetzten weiblichen Reizen, die eingehend studiert wurden, die Anerkennung der Männerwelt auf sich ziehen.

Verführung


Diese Technik zum Erlangen von Anerkennung wird schlicht als „Verführung“ bezeichnet. Diese ist ein wesentlicher Umstand, durch den die hysterische Frau Macht über den Mann ausübt, eine Macht, derer er sich in keiner Weise bewußt wird, da er den Zustand noch viel zu sehr genießt. Wenn der Hysteriker im Moment eines solchen Anfalls Illusion von Realität nicht von einander unterscheidet und die Umwelt so fassungslos reagiert, weil man sich wegen Nichtigkeiten enorm aufregt, bis hin zum Herzinfarkt nach vorgeschädigten Gefäßen, dann ist eine Verbindung von Mode und Hysterie erkennbar. Denn nicht nur die Modeschöpfer (deutliche Beispiele könnten sein: Joop, Lagerfeld, Mooshammer) zeigen sich u.U. hochneurotisch und reagieren hysterisch, sondern auch die Models (man vergleiche die Ausfälle von Naomi Campbell) und diejenigen, die sie imitieren. Denn nirgendwo, als in der Modewelt, ist der Realitätsverlust so groß.


Es wirkt fast irrsinnig, ist aber pure Realität, daß Unterdrückung die hysterische Persönlichkeit ausbildet, während sich der lieblose machtbesessene Mensch (z.B. der die Tochter ablehnende Vater) sich um so mehr von einer hysterischen Persönlichkeit verführen und täuschen läßt.

Dadurch, daß sich die modebewußten Frauen und Männer, die nur nach hohem Ansehen streben, um von allen Seiten Anerkennung zu erhaschen, freischaufeln wollen, weil sie in der Kindheit unfrei waren, sind sie zur tiefen Verbindung mit einem Partner nicht fähig, obwohl sie es wie kein anderer verstehen zu verführen. Oftmals fehlt die Geistesbildung, die für wirkliches Selbstwertgefühl sorgen kann, so bleibt die Flucht in den schönen äußeren Schein, bei vielen Frauen besteht eben nur noch dieser. Und schon bald nach der Verführung und den ersten Versuchen einer Beziehung verschwindet eine solche Frau so schnell, während sie an den Haaren herbei gezogene Gründe für die Trennung nennt.

Der verlassene oder verlassende Mann, der sich so viel von dieser ästhetischen Frau versprochen hatte, ist fassungslos und entsetzt und bekommt Selbstzweifel. Die Frau lernt aber inzwischen, die Verführung zu optimieren und wird darin immer professioneller und gewinnt immer schneller und häufiger neue Männer.

Diesen Neurosen gemeinsam ist die Verdrängung infantiler Wunschregungen, die sich durchsetzen und die dann Anlaß zu den ersten neurotischen Symptombildungen geben. Von der Reife und Stärke des Ichs und den frühen  emotionalen und sozialen Faktoren hängt es ab, ob die hinter der gebildeten neurotischen Symptomatik bestehenden Konflikte ohne größere Hilfsmaßnahmen aus eigenen Kräften bewältigt werden können, und damit eine latente Neuroseneignung zeitlebens bei entsprechenden Belastungen in Form kurzlebiger neurotischer Reaktionen aufbricht, wie es eben bei Verführung und Gewinnen eines Partners der Fall ist.

Was wir heute all zu leicht als „zickig“ bezeichnen, ist nichts anderes als der Ausdruck, endlich ganz geliebt zu werden, um nachzuholen, was man Jahrzehnte vorher nicht bekommen konnte. So bleiben nur die Möglichkeiten, einige Teile einer hysterischen Person zu lieben, andere nicht oder sich schnell zu trennen. Beides bleibt unbefriedigend. Darum bleibt der Kreislauf der hysterischen, wunderschönen, verführerischen Frauen bestehen, den Mann zu betören, um ihn wieder fallen zu lassen, oder nicht zu nah an sich ran zu lassen, wenn er nicht von selber die Notbremse zieht.

Ramin Rowghani

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Literatur:

 

- Grossarth-Maticek, R.: Autonomietraining, Berlin 2000
- Rattner, J.: Klassiker der Tiefenpsychologie, Weinheim 1997 - Riemann, F. : Grundformen der Angst, 4 Audio-CDs, Reinhardt/ München 2003 - Pervin, L.A.: Persönlichkeitstheorien, UTB/ Reinhardt/ München 2000

- Mentzos, St.: Hysterie: Zur Psychodynamik unbewußter Inszenierungen, Göttingen 2012

 

(E.A.M. Berlin 09-2012)

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Kommentare: 2
  • #1

    Gerda K. (Donnerstag, 19 November 2015 07:36)

    Wenn ich nicht so eine strikte Feministin wäre, würde ich sagen: Exzellent!
    Aber da ich eine bin, kann ich nur dazu lächeln.

  • #2

    Antje S. (Samstag, 26 November 2016 11:40)

    Interessant sind in diesem Zusammenhang die Ausführungen zur histrionischen Persönlichkeit von Claudio Naranjo: Erkenne dich selbst im Enneagramm Kösel 1994

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