Zur Persönlichkeit

In der Kategorie "Zur Persönlichkeit" soll an Personen analytisch erinnert werden, die nicht nur Personen, sondern auch "Persönlichkeiten" und medienrelevant waren. 

Die Präsentation erfolgt aufgrund persönlicher Begegnungen, Gesprächen und Interviews.

Sensibler Suchtmensch: Jean-Claude Pascal

Von Ramin Rowghani

 

"Ich liebe die französische Sprache wirklich, ich liebe ihre Musik und ich schätze die Autoren, die wissen, wie man mit Präzision umgeht." (J.C. Pascal)

 

Am 24. Oktober 1927 erblickte in Paris ein Kind das Licht der Welt, das später einmal zum Weltstar wurde und besonders in Deutschland äußerst populär war, aber im Frühling 1992 fast vergessen die Weltbühne wieder verließ: Jean-Claude Roger Henri Villeminot, später berühmt als Jean-Claude Pascal. Wie schnell verblaßt manch Ruhm, insbesondere wenn der Ruhmreiche frei von Presse wirksamen Skandalen ist. Wer heute das Internet nach Jean-Claude Pascal durchsucht, der findet fast gar nichts mehr über den Star. In Deutschland, wo er besonders populär war, liefert lediglich die Künstler-Nostalgie-Seite "Steffi-line", die so manches Ansehen vergangener Prominenter liebevoll bewahren konnte, ein Andenken an den französischen Künstler, die Eurovisionsseite und der Spiegel berichteten kurz und Wikipedia gab marginale Informationen, ansonsten glänzt das angeblich übermächtige Internet mit Lücken. Umso mehr, ihm in der Rubrik  "Zur Persönlichkeit" die Würde zuteil werden zu lassen, die dem Multitalent gebührt.

 Jean-Claude wurde an der Champs-de-Mars, fast am Fuße des Eiffelturms, somit in einer großbürgerlichen Gegend geboren. Später bemerkte er: "Meine Eltern waren sehr hübsch und sehr jung", Sein Vater, Roger Villeminot, starb im 25. Lebensjahr und hielt seinen kleinen Jean-Claude, ein gerade 6 Monate altes Baby, in den Armen. Die Mutter Arlette Lemoine ist 18 Jahre alt, als sie ihn zur Welt bringt. Er wird sie niemals Mutter nennen können, aber Jean-Claude wird ihr einen Namen geben, Arlette, und sie bei seinen Freunden als seine Schwester vorstellen. Die Mutter wurde Englisch-Dolmetscherin und ihr Sohn erzählte später stolz: "Sie wurde lange als eine der schönsten und witzigsten Frauen in Paris gefeiert". Sie ist die Urenkelin von Frederick Worth und heiratet bald wieder und sollte einen weiteren Sohn bekommen, Daniel, der 6 Jahre jüngere Halbbruder von Jean-Claude.

 

Später schwelgt Jean-Claude in guten Erinnerungen an seine Großmütter, insbesondere an seine Großmutter väterlicherseits erinnerte er sich gern zurück, sie, die eine der beiden liebsten Menschen seines Lebens sein wird.

Jean-Claude wuchs unter der Aufsicht von zwei sehr unterschiedlichen Familien auf, den Villeminot, Industrielle aus der Textilindustrie, die an den Ufern der Seine vor Bougival lebten, und den Lemoine aus der Worth-Dynastie, die berühmte französische Couturiers waren.  Jean-Claude fühlte sich in seiner Kindheit privilegiert, er erinnert sich an seinen Urlaub 1938 in Cannes und an die vielen Wochen im Jahr an das Schloß von Brion, das im Besitz seiner Großeltern mütterlicherseits war, von dem er einen eindrucksvollen Blick auf die Bucht von Mont-Saint-Michel genoß, das er tief in seinem Herzen bewahrt und gerne als Erwachsener immer wieder besuchen wird. Die Gazetten der 60er und 70er Jahre waren voll mit Fotos jener Gegend.

 

Ausbildung

 

Seine Schul-und Studienzeit bezeichnete Jean-Claude als "chaotische Studienphase". Er besuchte das Annel College in der Nähe von Compiègne, wo er einen gewissen Pierre Vujovic (den man später unter dem Namen Michel Auclair kennenlernen wird) und Michel Piccoli (*1925), sie sind seine Klassenkameraden und man begegnet sich später immer wieder beim Filmen.

Dem Annel College folgte das Lycée Janson-de-Sailly in Paris. Im Jahr 1944, im Alter von 17 Jahren, trat er der Zweiten Panzerdivision von General Leclerc bei. Er gehörte zu den ersten französischen Soldaten, die in Straßburg stationiert waren, während die deutsche Armee die Stadt angriff. Dafür erhielt Jean-Claude zum Kriegsende 1945 den Preis Croix de Guerre.

Stolz und erleichtert vom Kriegende immatrikulierte er sich an der Sorbonne in den Fächern Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Mit 16 Jahren begann er bereits zu rauchen und ohnehin schien ihm in allen Bereichen nach dem Krieg das sinnliche Leben mehr zuzusagen als die Erfüllung von Pflichten, denen er als Soldat ausgesetzt war. So brach er das Universitätstudium ab und widmete sich der leichten Muse, die er als Befreiung in jeglicher Hinsicht ansah: Als schwarzhaariger Schönling modelte er bei Hermes und Dior und ließ sich als Visagist und Designer ausbilden, Professionen, die er später bei Dreharbeiten und am Theater immer wieder gerne bei eigenen Produktionen selbst ausübte.

 

Auch trat Jean-Claude ein in das Pariser Hauptquartier des Textilunternehmens seines Onkels väterlicherseits in der Rue Bachaumont. Er schloß  sich im Sommer 1946 Freunden in Cannes an, um Christian Dior zu treffen, designte Kleidung, später erinnert er sich an "eine schöne Sylvie", die dann Frau Daniel Gelin wird. In derselben Umgebung trifft er den noch heute lebenden großen Welt-Designer Pierre Cardin (*1922) und Hubert De Givenchy, mit dem er sich eng anfreundet, auch André Levasseur gehört zu seinen Bezugspersonen, sowie Robert Piguet und Christian Bérard. Mit dem Modehauses Dior überwirft sich Jean-Claude, insbesondere nach Streitigkeiten mit dem einflußreichen Marc Bohan.

Ab der Generation 50 ist Jean-Claude Pascal noch gut in Erinnerung, in Deutschland würde man ihn als "Chanson-Sänger" einstufen, wenn man nach ihm fragt. Tatsächlich kam er durch seine Modearbeit für Film und Theater zunächst mit der Schauspielerei in Berührung und gar nicht in so unbedeutenden Rollen, sein Filmdebüt gab er bereits in  "Le Jugement de Dieu", als Prince Albert de Bavière.

 

Der Weg zum Theater – der Einfluß seiner Familie - Der Schauspieler "Pascal"

 

Michel Auclair führte Jean-Claude zum Mathurin Theater und zeitgleich bestellte Jean Marchat bei Jean-Claude Villeminot die Kostüme, während er  weiterhin mit Piguet arbeitet, er träumt aber davon, selbst auf den Brettern der Welt zu stehen und bald verkündet Jean-Claude Villeminot seinen Abschied aus der Modewelt. Nochmal buhlen Piguet, Dior und Givenchy um ihn. "Ich war taub und blind, wollte weg von der Mode, hin zum Theater!"  Jean-Claude berät sich mit seiner Großmutter mütterlicherseits, Renée Lemoine Worth, die hochherrschaftlich in der Rue de la Faisanderie lebte. Ihr mißfiel das abgebrochene Studium und die nicht fortgesetzte Karriere in den großen Modehäusern, die ihn alle weiter beschäftigen wollten und er das Zeug zu einem Pierre Cardin oder Christian Dio gehabt hätte. Renée Lemoine Worth gab dem Enkel schließlich das OK für eine Theaterlaufbahn und mahnte: "Mach es, aber sei erfolgreich!"

Der Familienrat väterlicherseits verpflichteten Jean-Claude Roger Henri Villeminot den Familiennamen abzulegen. "Zieh unseren Namen nicht weiter in den Schlamm!" war der Appell vom Großvater und beiden Onkeln.

 

Im Rene´-Simon-Seminar angekommen traf er 1948 in der Pause die Kommilitonen Pierre Mondy und Pascal Mazzotti, die laut über ihre Theatervorhaben diskutierten, Jean-Claude hörte, wie Pierre Mondy plötzlich rief:  "Stopp, Pascal!"  für Jean-Claude war es nun klar : "Ich bin Jean-Claude Pascal!"

 

Nach dem Schauspiel-Unterricht geht er regelmäßig abends nach Villars, einer angesagten Künstler-Bar, wo er Pierre Mondy, Philippe Nicaud, mit dem er sich anfreundet, Claire Maurier, Colette Déréal, Marcelle Derrien, Jacqueline Maillan und Nicole Courcel trifft, auch sind regelmäßig Pascal Mazzotti, Robert Hossein, Pierre und Hélène Roussel, die Geschwister von Michèle Morgan beim Wein-und Whiskytrinken in Geselligkeit der Französischen Schauspielkunst.

 

Schließlich spielt der frisch gebackene Jean-Claude Pascal in Paris neben Pierre Renoir "Die Kameliendame" wo ihm die Ehre zuteil wurde, von Sir Laurence Olivier und Vivien Leigh begrüßt und beglückwünscht zu werden. Von nun an war Pascal für die Welt des Schauspiels geadelt.

Er folgte  "Le Siecle" von Marcel Achard neben Renée Saint-Cyr und m selben Jahr verkörpert er erblondet den bayerischen Prinzen Albert in seinem ersten Film "Das Gericht Gottes" (1952) Judgement of God (Französisch: Le Jugement de Dieu) von Raymond Bernard. Er spielt Verführer, Schönlinge und Aristokraten in historischen und Mantel-und Degen- Filmen, 50 Filme sollten folgen,  er spielte in vielen internationalen Produktionen, darunter "Opération Opium"  (Mohn ist auch eine Blume), von Terence Young, dem Regisseur des ersten James-Bond-Films neben allein in diesem Film Weltstars wie Trevor Howard, Gilbert Roland, Rita Hayworth, Yul Brynner, Senta Berger, Omar Sharif, Nadja Tiller, Marcello Mastroianni, Anthony Quayle und Jack Hawkins. In weiteren Filmen waren seine Filmpartner waren keine geringeren als Anouk Aimée, Arletty, Brigitte Bardot, Martine Carol, Danielle Darrieux, Gina Lollobrigida, Michele Mercier, Romy Schneider, Erich von Stroheim und Charles Vanel .

Jean-Claude Pascal wendet sich schließlich 1969/1970 dem deutschen Film zu in: "Unter den Dächern von St. Pauli"  von Alfred Weidenmann, unter Synchronisation von Claus Biederstaedt spielte Pascal eine Hauptrolle im Episodenfilm, den Geschäftsmannes Pasucha und tauchte neben Werner Peters, Charles Regnier und Walter Bluhm in die Unterwelt St. Paulis ein. Ein Alfred-Weidenmann-Film, nach dem Drehbuch von Herbert Reinecker, der Kamera von Karl Löb und letztendlich der stimmungsvollen Musik von Peter Thomas versprach auch in schwierigen Zeiten des Films - auch des deutschen Films - noch einmal ein Erfolg zu werden. Dies wird seine letzte Rolle im Kino sein.

 

Jean-Claude Pascal - Der Sänger

 

Jean-Claude Pascal erwies sich als Multitalent, er debütierte 1955 als Sänger mit dem "Song Je veux" von Charles Aznavour. Sein erstes Konzert gab er 1961 in Bobino mit Liedern junger Autoren wie Jean Ferrat, Serge Gainsbourg und Bernard Dimey .

 

1961 bat ihn das luxemburgische Fernsehen, sie bei der sechsten Ausgabe des Eurovision Song Contest/ Grand Prix Eurovison de la Chanson zu vertreten. Am Samstag, den 18. März, gewann er in Cannes den Wettbewerb für Luxemburg mit dem Lied "Nous les amoureux", geschrieben von Maurice Vidalin und komponiert von Jacques Datin, er gewann den Grand Prix, das Lied wurde ein Welterfolg und Jean-Claude Pascal wurde durch die Musikhallen- und Shows gereicht. Was seine Zeitgenossen mit Ausnahme der homosexuellen Kreise nicht wußten, ist, daß die Worte dieses Liedes geschrieben wurden, um die Repression gegen homosexuelle Verbindungen zu verurteilen, in einer Zeit, in der diese Lebensweise tabuisiert wurde.  Man hofft auf  "die Zeit weniger schwierige Nächte - und ich dich lieben kann, ohne daß in der Stadt darüber gesprochen wird ..." Jean-Claude Pascal blieb Zeit seines Lebens unverheiratet und kinderlos.  Er wird fast fünfzig Alben in allen Sprachen aufnehmen. 1981 trat er noch einmal beim Grand Prix für Luxemburg mit einem sehr romantischen Lied über Amerika auf. In den 70er Jahren gab es in Deutschland kaum eine große Abendshow, in der Jean-Claude Pascal nicht auftrat. Seine Version von "oh champs elysées" wurde weltweit die berühmteste. Sein Bekanntheitsgrad bei uns war bei 80%.

 

Der früh gealterte Star

 

In den 70er Jahren kehrte Jean-Claude Pascal ins Fernsehen und Theater zurück, bevor er einen letzten Wendepunkt in seiner Karriere gab und er sich in den 80er Jahren dem Schreiben widmete.

 

Seine letzten Fernsehauftritte wirkten wie aus de Zeit gefallen. Pascal blieb der ewige Dandy und Lebemann, der das öffentliche Rauchen inszenierte, was heute in der Öffentlichkeit gerne versteckt wird, er zeigte es ganz offiziell: 100 Zigaretten am Tag waren keine Seltenheit. Bis zu dessen Tod 1975 führte Jean-Claude eine Beziehung mit dem vorher mit Marie Bell verheirateten Jean Chefrier. Er lebte zwischen Hammamet, Tunesien, wo er eine Schloß ähnliche Residenz hatte, und seiner Wohnung am Boulevard Exelmans, mitten in Paris.

 

1984 gelang ihm unter der Regie von Alain Feydeau mit Francoise Christoph ein Triumph im Stück "Goodbye Prudence",  das auf Welttournee ging. Jean-Claude Pascal wird weiter mit einem seiner Chansons in der entsprechenden Landessprache oder in Französisch in den Fernsehshows sichtlich gealtert rumgereicht. Das junge Publikum lernt ihn neu kennen, das alte sagt sich: "Pascal gibt´s auch noch? Lange war es still um ihn".

Jean-Claude Pascal wurde zu Lebzeiten mehrere Jahre hintereinander zum "elegantesten Mann Frankreichs" gewählt. Seine Garderobe wurde 2004 im Museum für männliche Eleganz in Argenton-sur-Creuse in Indre ausgestellt .

 

Dann wird er krank. Es war abzusehen. Die 100 Zigaretten von Jugend an hinterließen Spuren.  Zeit seines Lebens blieb er gertenschlank, Rauchen war seine Nahrung, Vitaminreiche Kost war ihm unbekannt, er litt an Magengeschwüren und unterzog sich mehrerer Operationen, bei denen dann auch noch ein Tumor in der Lunge entdeckt wurde.  Nach großem Leidensweg starb der einstige große Film-, Theater- und Chansonstar Jean-Claude Pascal am 5. Mai 1992  im Alter von 64 Jahren im Baujon-Krankenhaus in Clichy , zuletzt sah er 20 Jahre älter aus als er war. Erstaunlicherweise gab es zu jener Zeit wenig Pressenotizen.

 

Seine Asche wurde zum Teil in der Bucht von Mont-Saint-Michel (in Erinnerung an das Schloss seiner Kindheit) verteilt, zum anderen Teil in der Bucht von Hammamet, Tunesien. Seine Mutter brachte eine Gedenktafel an die Tür der Familiengruft auf dem Friedhof von Montparnasse an. Das Ende eines stillen Stars, dessen Gefühlswelt unergründlich blieb.

 

(E.A.M.-Berlin: 11-2019 Ramin Rowghani, übersetzt aus dem Französischen

  der Autobiographie Le Beau Masque, Paris 1985 

   Jean-Claude Pascal: L'arc-en-ciel de novembre Paris, 1989,

   div. Zeitungsartikel und persönlicher Begegnung)

 

 

 

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